Wir gehen auf Architektour!

Diesmal baten wir Architekten und Architekturkritiker um ihre persönlichen Tipps. Das komplette Programm für Hamburg finden Sie wie immer in der Datenbank
ZUSAMMENGESTELLT VON — Ulrike Fischer

Marco Alexander Hosemann
AUTOR UND REFERENT IM THEMENFELD STADT- UND BAUKULTUR

Anspruchsvoll: Ich empfehle eine Führung durch das Verwaltungsgebäude der ehemaligen Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW, heute Vattenfall) am 8.11. und 13.12. 2018. Es ist ein wahres Gesamtkunstwerk! So stammt nicht nur das markante Bauwerk mit den vier gegeneinander verschobenen Scheiben aus der Feder der Kopenhagener Design-Legende Arne Jacobsen (1902–1971), sondern nahezu die gesamte Inneneinrichtung: Im Kantinengeschoss wimmelt es zwar nicht von „Ameisen“ (dem Stuhlklassiker), dafür aber von deren Nachfolgemodell „3107“, und in den Büroetagen schwimmen die „Schwäne“ (der Sesselklassiker) auf den blaugrauen Teppichböden. Vor der Besichtigung des Scheibenhochhauses lohnt ein Spaziergang durch die City Nord, die als bedeutendes Zeugnis modernen Städtebaus unter Denkmalschutz steht und auch noch mit anderen Perlen der Architekturgeschichte aufwarten kann.

Leichte Muse:
Machen Sie eine StreetArt-Tour durchs Karo- und Schanzenviertel – auf eigene Faust oder an der Hand eines Experten von Stattreisen Hamburg e. V. im Rahmen der Führungen „Aufgesprüht und hingeklebt: StreetArt in Hamburg“ am 21.10. und 25.11. 2018. In Hamburgs großer Freiluftgalerie können Sie großartige Kunstwerke entdecken und spannende Geschichten dahinter erfahren.

Experimentell:
Auf ins Gängeviertel, wo die Initiative „Komm in die Gänge“ 2009 mit einer kulturellen Inbesitznahme zwölf historische Gebäude vor dem Abriss rettete. Daraus entwickelte sich ein bezaubernder Ort mit vielen unterschiedlichen Angeboten: Im Museum „Vor-Gänge“ (Schierspassage) und mit einem interaktiven Rundgang (Informationstafeln) werden die Geschichten der alten Gängeviertel und des Projekts anschaulich erzählt. Die Fabrique (Valentinskamp 34a, Zugang über Speckstraße) ist das soziokulturelle Zentrum des Gängeviertels, in dem regelmäßig Workshops, Kurse, Seminare, Ausstellungen, Lesungen, Diskussionsrunden, Filmvorführungen, Theateraufführungen, Partys u. v. m. stattfinden. Wer auf ein Getränk einkehren möchte, dem sei am Nachmittag das „Café Nasch“ (Caffamacherreihe 49) und am Abend die „Jupi-Bar“ (Caffamacherreihe 37) empfohlen.

Wer so viel Ahnung hat, darf auch schon mal Werbung in eigener Sache machen: Marco Alexander Hosemann bietet (wir haben es getestet) ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Street-Art-Führungen durchs Karo- und Schanzenviertel an
Wer so viel Ahnung hat, darf auch schon mal Werbung in eigener Sache machen: Marco Alexander Hosemann bietet (wir haben es getestet) ebenso unterhaltsame wie lehrreiche Street-Art-Führungen durchs Karo- und Schanzenviertel an



Prof. Carsten Roth und Team
ARCHITEKT, WWW.CARSTENROTH.COM

Anspruchsvoll: Sollte der Winter lauschig mild und sonnig werden, immer mal wieder am Freitag an der Oldtimer Tankstelle Brandshof, (Großtankstelle Brandshof, Billhorner Röhrendamm 4, 20539 Hamburg) vorbeischauen und die Emotionen aus altem Blech aufsaugen. Im „Erfrischungsraum“ gibt es einen super Mittagstisch, und wenn Ihr Auto TÜV und AU braucht, sollten Sie das hier machen lassen. Die Eleganz der Oldtimer ist immer wieder eine Beglückung für die Augen, so wie es auch gute Architektur leisten kann und die unter Denkmalschutz stehende kleine Tanke selbst eine Augenweide ist.

Leichte Muse:
Mit der Hafenfähre (in der HVV-Tageskarte enthalten) von den Landungsbrücken 3 mit der Linie 62 am alten Fischmarkt vorbei bis zum Dockland fahren, ein Fischbrötchen bei „Atlantik Fisch“ (Große Elbstraße 139) rausholen (oder gleich eine leckere Seezunge essen) und zwischen den Lagerhallen und Backsteinhütten auf den Elbwanderweg spazieren. Bei den Columbia Twins am alten „Hafenbahnhof“ (Große Elbstraße 276) ein Bierchen kaufen und den Skatern und BMXlern bei ihren Sessions zuschauen. Hier kann man den letzten freien Blick auf die Köhlbrandbrücke einfangen (solange sie noch steht). Dann zwischen Elbdeck und Kaispeicher die Perlenkette entlang bis zu Hamburgs schönem Elbstrand laufen und an der „Strandperle“ den Blick zurück auf die Stadt und den ewig agilen Hafen mit seinen Hunderten Kränen genießen! Warum? Weil man, ganz gleich, ob im Sommer mit einem Pils oder im Winter mit einem Becher Glühwein, die Stadt am Elbufer so richtig spüren kann.

Experimentell:
Einen Abend bei den NDR Jazz Konzerten! Perfekte Akustik im Rolf-Liebermann-Studio (Harvestehude, Oberstraße 120) genießen und die Gedanken hüpfen lassen: am 22./23.11. und 13./14.12. sowie am 25.1. 2019. Architektur und Musik gehörten schon immer zusammen, denn es geht um Rhythmus, Tempo, Wiederholung und immer wieder Überraschung.
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ndr.de



Nicht verpassen: Das traditionelle Weihnachtskonzert der Hamburger Goldkehlchen am 19.12. um 19 Uhr in der Kulturkirche Altona (Max-Brauer-Allee 199). 80 Männer, von denen keiner wirklich singen kann, aber hier geht es vielmehr darum, dass die Hamburger Jungs zusammen wahnsinnig viel Spaß und Emotionen auf die Ohren bringen!

        
        



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Wissen und Weitersagen
Ob Theateraufführungen, Flohmärkte oder Vorträge – für alle Veranstaltungen in der Metropolregion Hamburg gibt es eine zentrale Datenbank. Dieser kostenfreie Service bietet Veranstaltern eine ideale Plattform, eigene Events optimal zu bewerben, weil sie auf zahlreichen Websites sichtbar werden.
— 
veranstaltungen.hamburg.de


Torsten Stern
FREIER ARCHITEKT UND ARCHITEKTURFÜHRER

Anspruchsvoll: „The Table“ von Sternekoch Kevin Fehling in der HafenCity, dem derzeit größten Stadtentwicklungsprojekt Europas, gelegen. Sehr gute Qualität und perfekte Handwerkskunst in einem inspirierenden Ambiente. Weil es um einen ganz neuen Weg geht. Ein langer Tresen, von dem aus man die Zubereitung der Gerichte direkt verfolgen kann.

Leichte Muse: Besuch der vom Architekten David Chipperfield gestalteten „20up Bar“ im „Empire Riverside Hotel“ auf St. Pauli, wo einem der Hamburger Hafen zu Füßen liegt

Experimentell: Das neue Kreativquartier Hamburgs am Oberhafen. Die Halle 424 des ehemaligen Güterbahnhofs wurde in den vergangenen Jahren zu einem besonderen Ort für Kunst und Kultur. Zur blauen Stunde finden hier einmal im Monat, meistens donnerstags, tolle Jazzkonzerte statt.

Nicht verpassen: Einen Besuch in Entenwerder. Auf der 600 Quadratmeter großen Pontonanlage am Elbpark Entenwerder haben Thomas Friese und seine Tochter Alexandra (Thomas i-Punkt) einen Ort erschaffen, wo Platz ist für Kunst, Kultur und Kulinarik.

Neben der von unserem Büro realisierten Architekturbox, die ehemals an der Binnenalster stand und für den Hamburger Architektur Sommer als zentraler Ort der Information genutzt wurde, haben die Frieses noch einen weiteren Pavillon gestellt. Der Goldene Pavillon, der 2007 Teil der Skulpturenausstellung in Münster war, besteht aus kupfernem Lochblech und ist schon von Weitem ein Blickfang. Neben der begehbaren Skulptur wurde auch ein Café eröffnet, das aus zwei zusammengesetzten, rosa gestrichenen Schiffscontainern besteht. Hier ist ein einzigartiger Ort entstanden, der den teilweise eher tristen Stadtteil Rothenburgsort schmückt und ein Zeichen setzt.
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Café „Entenwerder1“, 20539 Hamburg, Tel. 70 29 35 88

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Torsten Stern ist auch Autor und Herausgeber des „ArchitekturPlan Hamburg“ und Mitgründer des internationalen Netzwerks für Architekturführungen:


Claas Gefroi
ARCHITEKTURKRITIKER UND PRESSESPRECHER DER HAMBURGISCHEN ARCHITEKTENKAMMER

Empfohlen für alle: das alte Hauptgebäude der Universität Hamburg von 1911. Es erzählt beeindruckend von dem Verhältnis der Hamburger zu Lehre und Forschung! Der Bau ist vom Reeder Edmund Siemers gestiftet, ursprünglich gedacht als Vorlesungssaal für das Hamburger Bürgertum, denn die Universität gab es damals noch nicht. Typisch für die hanseatische Haltung: Man nahm die Dinge selbst in die Hand, die staatliche Universität wurde erst 1919 gegründet. Distel und Grubitz, zwei süddeutsche Architekten erhielten den Zuschlag und errichteten den neobarocken Bau. Dass sich die Hanseaten für etwas mehr Opulenz entschieden, zeugt einerseits von der Wertschätzung für Lehre und Forschung. Andererseits war es durchaus Brauch, öffentliche Gebäude, wie zum Beispiel Krankenhäuser, für den Alltag imposant zu gestalten – das sollte nach außen signalisieren: „Seht her, wir kümmern uns um unsere Bürger!“ Die Struktur des Hauptgebäudes ist perfekt: In der Mitte die zwei großen Hörsäle übereinandergelagert, gekrönt von einer Kuppel, drum herum Platz für vier Flügeltrakte mit weiteren Hörsälen und Innenhöfen, vorgelagert eine einstöckige großzügige Vorhalle mit leichter Wölbung. Auch der Säuleneingang an der Edmund-Siemers- Allee verströmt Herrschaftliches. Mit Gründung der Universität übernahm die Stadt das Gebäude. Die klotzigen Anbauten rechts und links des Hauptgebäudes sorgten in den 1990ern für Unmut, hatte sich doch Hermann Greve, ein privater Kaufmann, mit einer Schenkung, aber ohne öffentliche Architektur-Ausschreibung gewissermaßen ein Denkmal gesetzt – das Uni-Hauptgebäude wirkt dadurch leider recht eingequetscht. Ab 2002 modernisierte das Architekturbüro Dinse Feest Zurl den in die Jahre gekommenen Bau Schritt für Schritt: Alte Steinböden wurden freigelegt, in anderen Bereichen elegant schwarzes Linoleum verlegt. Auch ursprüngliche Raumfluchten stellten die Architekten wieder her. Dazu maßvoll Modernes wie zum Beispiel der verschiebbare Betontresen bei der Garderobe. Ein Besuch des Hörsaals B (Agathe-Lasch-Saal) unter der Kuppel lohnt sich: Schwarzes Mobiliar, einzelne Möbel wie Podeste und Pulte in Ahorn, die Wände weiß – das sieht schon sehr reduziert und edel aus. Die gesamte Haus- und Medientechnik ist auf neuestem Stand, aber unsichtbar eingebaut, eine beachtliche Leistung! Gekrönt wird das Ganze von neuen Hängeleuchten im Art-déco-Stil. Auch der Rest des Hauses ist einfach gut in Szene gesetzt: Ob die Beschriftung der Säle in eleganten Messinglettern, indirektes Licht, schlichte Sitzbänke aus Stein – für die 100-Jahr-Feier 2019 ist das Hauptgebäude schon jetzt bestens hergerichtet!

Der Architekturkritiker Claas Gefroi schreibt für Zeitschriften und das Jahrbuch „Architektur in Hamburg“ (s. u.)
Der Architekturkritiker Claas Gefroi schreibt für Zeitschriften und das Jahrbuch „Architektur in Hamburg“ (s. u.)



Von Mönckebergstraße bis Tierpark Hagenbeck
ARCHITEKTURHFÜHRER HAMBURG

In den vergangenen rund 200 Jahren hat Hamburg sein Gesicht radikal verändert. Anstelle der mittelalterlichen Handelsstadt steht heute eine moderne Metropole. Der Architekturführer Hamburg zeichnet die städtebauliche und architektonische Entwicklung der Hansestadt nach. In acht Spaziergängen lernt man rund 350 herausragende, typische oder alltägliche Einzelobjekte kennen. Historische Fotos sowie umfangreiches Planmaterial illustrieren die Stadtentwicklung. Dominik Schendel: „Architekturführer Hamburg“, Dom Publishers, 38 Euro

     
     

30 Jahre geballtes Wissen
ARCHITEKTUR IN HAMBURG, JAHRBUCH 2018/19

Das Jahrbuch präsentiert die wichtigsten Hamburger Bauten und Projekte 2018/19. Mit dabei (u. a.): Das Grandhotel „The Fontenay“, die ehemalige Frauenklinik Finkenau, die Neugestaltung der Ortsmitte Finkenwerder, die Sanierung der HfbK und die Stadthöfe. Dazu Texte zu Stadtentwicklung und gefährdeten Bauten. Spannend: Das Porträt des Architekten Fritz Trautwein (1911–1993), der u. a. die Grindelhochhäuser, den Fernsehturm sowie die U-Bahn-Stationen Jungfernstieg und Landungsbrücken entworfen hat. „Architektur in Hamburg, Jahrbuch 2018/19“, Junius Verlag, 39,90 Euro

     
     

Und wie haben die selbst gewohnt?
DER ARCHITEKT ALS BAUHERR

Architekten dürfen schalten und walten, wie sie wollen – wenn da nicht die Bauherrn wären ... Diese Publikation der Hamburgischen Architektenkammer stellt Architektenhäuser in den Mittelpunkt: Das Haus, bei dem Entwerfer und Bauherr eins sind. Aus der Summe der Einzelbeiträge und der zahlreichen Fotos vom Wohnen und Leben im vermeintlich idealen Haus ergibt sich ein facettenreiches Epochenbild der Hamburger Wohnbauarchitektur des 20. Jahrhunderts. „Der Architekt als Bauherr“, Dölling und Galitz, 49,90 Euro

       
       
FOTOS/ABBILDUNGEN — Ulrike Fischer, Carsten Roth, Torsten Stern, Ulrike Fischer, PR
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