Interview

Der Hotelier und der Grüne

„Talk-O-Mat“ heißt ein beliebtes Podcast-Format des Streamingdienstes Spotify. Zwei Fremde treffen beim Blind Date aufeinander und werden durch Stichworte ins Gespräch gebracht. Unsere Protagonisten hätten das glatt ohne hingekriegt: Kai Hollmann, renommierter Hotelier, und Anjes Tjarks, Fraktionsvorsitzender der Grünen in der Bürgerschaft
PRODUKTION — Sascha Albertsen 

I
n den Terminkalendern von Anjes Tjarks und Kai Hollmann eine passende Schnittmenge zu finden war gar nicht so einfach. Und dann hing Anjes Tjarks wenige Minuten vor dem Start in der Hafencity noch mit einer Delegation aus Berlin auf der Köhlbrandbrücke im Stau – das nennt man wohl Realpolitik. Was tun? Ganz einfach, Route ändern und Tjarks mit der Barkasse direkt aus Harburg abholen, das fand er ohnehin „viel cooler“.

— Anjes Tjarks (AT): Moin, Moin.
— Kai Hollmann (KH): Hallo, ich bin Kai Hollmann!
— AT: Anjes Tjarks, hallo! Ich bin ein bisschen Rad gefahren vorhin und dachte gerade, als wir an den Start gegangen sind, dieser schmierige, ölige Duft, der mir in die Nase gestiegen ist, hat so ein bisschen Heimatgefühl ausgelöst. Hafen eben!
— KH: Also ich finde, was am Hafen toll ist, sind die Geräusche. Dieses Knarren der Schiffe und Container ...

„Wie Sie sehen, sehen Sie noch nichts!“: Hotelier Hollmann und Grünen-Politiker Tjarks auf der Kunst-Barkasse „Gerda“ 2.0 von Barkassen-Meyer
„Wie Sie sehen, sehen Sie noch nichts!“: Hotelier Hollmann und Grünen-Politiker Tjarks auf der Kunst-Barkasse „Gerda“ 2.0 von Barkassen-Meyer

»Gastgeber sein ist mein Grundantrieb: Wie kann man irgendwas schaffen – Hotelzimmer, Lobbys, Stimmung, Atmosphäre, das den Leuten gefällt?«

Kai Hollmann

(AUS DEM OFF:) „GASTGEBER SEIN“

— KH: Gastgeber sein ist mein Grundantrieb. Wie kann man irgendwas schaffen – Hotelzimmer, Lobbys, Stimmung, Atmosphäre, das den Leuten gefällt? Klar geht’s um Auslastung, aber es geht ja auch um Menschen, die hinter der Auslastung stehen. Gastgeber sein bringt schon Spaß. Wobei – als ich mein erstes Hotel aufgemacht habe, das „Gastwerk“, haben wir gleich gesagt: Bei uns ist der Gast nicht König.
— AT: Aber heißt das nicht, „der Kunde ist König“?
— KH: Ein Slogan, den ich total bescheuert finde. Weil es auch Gäste gab, die sich absolut danebenbenommen haben. Und den habe ich umgewandelt zu „Bei uns kommen Freunde zu Besuch“.

„TOURISMUSWACHSTUM“

— AT: „Brauchen wir denn noch mehr Wachstum? Wir reisen ja alle gerne, aber der Zwiespalt ist doch folgender: Viele wollen vor ihrer Haustür keine Touristenströme, wie es sie bei einigen Hotspots wie St. Pauli gibt.

Da sagen die Leute dann, bitte nicht vor meiner Nase. Andererseits machen sie selbst vermutlich einige Wochen im Jahr Urlaub. Dennoch: Beim Wachstum ist auch irgendwann mal gut. Wir sind nicht Barcelona und wollen auch nicht Barcelona werden – was sagt der Hotelier?
— KH: Hamburg ist eine liberale Stadt, und ich finde es toll, wenn man unterschiedliche Sprachen hört und Menschen zu uns kommen.


Der Hotelier und der Grüne Image 2
Neu: der Gastliebe-Podcast
In vielen Bereichen gehört der Podcast längst zum gängigen Medienmix. Inspiriert durch den OMR Podcast Channel von Philipp Westermeyer und „Hotel Matze“ von Matze Hilscher, wollen wir auch für Gastliebe regelmäßig Gespräche aufzeichnen und veröffentlichen. Im Magazin erscheint ein redigierter Auszug, die komplette Live-Aufnahme finden Sie bei iTunes oder auf Spotify.
     
Der Hotelier und der Grüne Image 3
Kai Hollmann, Hotelier, engagiert sich seit vielen Jahren für ein gastfreundliches Hamburg.

„25hours“, „Superbude“, „The George“ und bald auch das „Pier3“ in der Hafencity: Die Liste des Hollmann- Universums wächst und wächst – und das, ohne das Besondere aus den Augen zu verlieren und in die Beliebigkeit zu verfallen. 1960 in Ahrensburg geboren, erst eine Koch-, dann eine Lehre zum Hotelkaufmann im feinen Hamburger „Intercontinental“. Anschließend Direktionsassistent im „Hotel Hafen Hamburg“ und 16 Jahre für die Hotelsparte von St.-Pauli-Legende Willi Bartels verantwortlich.
— AT: Das ist hier zu wenig! Wenn man durch Berlin läuft, das ist einfach anders. In Kreuzberg spricht gefühlt jeder Zweite Englisch und jeder Dritte Französisch.
— KH: Ich glaube, es gibt viele Hamburger, die stolz sind, dass so viele Gäste am Wochenende nach Hamburg kommen und die Stadt besuchen, in der sie leben. Man muss schauen, dass es nachher auch vernünftig organisiert wird. Barcelona ist jetzt ein großes Thema, aber da wird immer vergessen, dass das auch mit den Kreuzfahrtschiffen zusammenhängt.
— AT: Aber die gibt es hier ja auch.
— KH: Ja, aber viel weniger. Und Barcelona ist kleiner, und alle rennen zu drei oder vier Punkten. Da laufen natürlich jeden Tag 10 000 den gleichen Weg – das gibt es bei uns nicht.
— AT: Ich wohne nicht so weit weg vom Kiez, und da merkst du schon die Anzahl der Junggesellenabende. Das stört schon, weil die sich dann auch alle danebenbenehmen.
— KH: Da muss man aufpassen, der Kiez darf nicht der neue Ballermann werden. Ganz wichtig!

Der Hotelier und der Grüne Image 4
Der Hotelier und der Grüne Image 5
Überraschung! Und da beide die Öffentlichkeit gewöhnt sind, kamen Hollmann und Tjarks schnell ins Gespräch
Überraschung! Und da beide die Öffentlichkeit gewöhnt sind, kamen Hollmann und Tjarks schnell ins Gespräch

„ELBPHILHARMONIE“

— KH: Ja, ich finde es toll, dass die Elbphilharmonie, also ein Problemfall, welcher viele Jahre auch kritisch in der Stadt gesehen wurde, gedreht worden ist!
— AT: Der Hype um die Elbphilharmonie wäre nicht so groß, wenn nicht vorher dieses Desaster gewesen wäre. Ich glaube, es hat schon etwas damit zu tun, dass sich das viele Leute angeguckt haben, aber irgendwann nur noch genervt waren und das auch nicht mehr verstanden haben, viele dachten, es wird nicht mehr fertig.
— KH: Ja, ich glaube, man war auch froh, dass eine große Problembaustelle fertig ist. Aber sie ist gut vermarktet worden, es ist ein gutes Haus. Ich glaube, es wird der Stadt auch wirklich guttun.
— AT: Merkt ihr das eigentlich in eurem Hotel?
— KH: Ja, die Elbphilharmonie merken wir schon. Und es bringt auch eine neue Zielgruppe nach Hamburg. Die ist zwar ganz klein, aber ich finde, der Mix macht es. Lieber 100 kleine Zielgruppen als zwei extrem große, wie die Sauftouren.
— AT: Was ich so toll finde an der Elphi, ist dieses „Haus für alle“. Diese Idee, du musst nicht Klassik hören, sondern kannst einfach ohne Abendkleid und Smoking dahin kommen. Jeder kann kostenlos auf die Plattform gehen.

Auf Umwegen zum Blind Date: Anjes Tjarks steckte im Termin fest und wartet mit Rad und Rucksack am Harburger Anleger
Auf Umwegen zum Blind Date: Anjes Tjarks steckte im Termin fest und wartet mit Rad und Rucksack am Harburger Anleger
   
»Was ich so toll finde an der Elphi, ist dieses ›Haus für alle‹. Du musst keine Klassik hören, sondern kannst einfach ohne Abendkleid und Smoking dahin kommen«

Anjes Tjarks
— KH: Aber die Elphi steht jetzt für die Kulturstadt Hamburg, und das hat auch etwas bewegt. Hamburg wird jetzt – neben Reeperbahn Festival, Thalia Theater und mehr – als Kulturstadt im deutschsprachigen Raum und in Europa wahrgenommen.
— AT: Hamburg stand für hanseatische Zurückhaltung, für den HSV, für den Hafen, für den Handel, für Pfeffersäcke und meinetwegen für Goldknöpfchen und jetzt nicht für „Wir sind eine innovative Kulturstadt“. Wenn die Stadt begreift, dass das sozusagen Teil ihres Selbstverständnisses ist, das finde ich sehr wichtig. Hamburg hat beispielsweise immer noch einer der wichtigsten naturkundlichen Sammlungen. In Berlin ist das der absolute Renner, Hamburg könnte so etwas auch haben, wir müssten nur das Museum bauen. Ein „Evolutioneum“ oder was auch immer.

„WELTSTADT“

— KH: Hamburg hat durchaus Chancen, Weltstadt zu werden, aber das muss es auch wollen, und da hapert es teilweise.
— AT: Der letzte Bürgermeister hatte ja den Plan, Elbphilharmonie, G20 und Olympia an den Start zu bringen – die letzteren beiden haben ja eher so mittelgut geklappt.
— KH: Der G20-Gipfel?
— AT: Ja, der G20-Gipfel! Die Stadt hat darunter gelitten, und es ist auch die Frage, ob wir in der Liga sind, in der London spielt.


Der Hotelier und der Grüne Image 8
Hätten Sie’s gewusst?
Viele benutzen den Begriff Podcast für eine einzelne Audio- oder Videodatei. Ein echter Podcast ist allerdings eine ganze Serie von Audio- oder Videodateien, so wie ein Blog in der Regel aus mehreren Artikeln besteht. Daher spricht man auch von Audio- bzw. Videoblog. Der große Vorteil ist, dass man einen Podcast abonnieren kann und keine spezielle Seite im Internet aufsuchen muss. Das Abonnieren und Herunterladen eines Podcasts ist kostenlos. Die Podcasts werden von den Anbietern selbst, durch Werbung oder, bei den öffentlich-rechtlichen Sendern, durch die Rundfunkgebühren finanziert.
         
Der Hotelier und der Grüne Image 9
Anjes Tjarks, Vorsitzender der GRÜNEN in der Hamburger Bürgerschaft ist unermüdlich für die Fahrradstadt Hamburg unterwegs.

Vorsitzender der Grünen Bürgerschaftsfraktion. 1981 in Barmbek geboren, studierte Englisch und Politik auf Lehramt in Hamburg und im südafrikanischen Stellenbosch. Dreifacher Familienvater. Man sieht ihn häufig energisch in die Pedale treten, im Sommer auch beim Hamburg Triathlon, die Jedermann- Distanz absolvierte er in 2:48:43. Die Grünen engagieren sich mehr und mehr für die Tourismusentwicklung, Anfang des Jahres reichten sie ein Bürgerschaftliches Ersuchen ein – mit dem Ziel, deutlichere nachhaltige Akzente einfließen zu lassen.
— KH: Aber Amsterdam, Stockholm, Barcelona – da kann Hamburg mithalten. Nicht im Fußball, aber als Stadt schon.
— AT: Im Fußball wollen wir aber auch wieder mithalten!

„RESTAURANT-TIPP“

— AT: Und wo guckt man am besten Fußball in Hamburg?
— KH: Ich gehe auch manchmal in eine Eckkneipe und schaue ein wenig Sky, wenn ich mit Freunden unterwegs bin.
— AT: Ich habe dieses Jahr für mich die Beachclubs wiederentdeckt.
— KH: Ich war zwar nur einmal auf StrandPauli, als es einer der letzten sehr heißen Tage war – es ist echt megagut.
— AT: Und wie müsste sich Hamburg verändern, wenn wir noch mal richtig weit nach oben kommen wollen? Verkehr wie in Kopenhagen, Fahrpreise wie in Wien? Das wäre doch mal was! Ich bin mit meinen Kindern in Wien gewesen. Kinder fahren dort in den Sommerferien umsonst, das ist doch super. Wien hat auch sehr viele günstige Wohnungen – 450 000 Wohnungen gehören der Stadt!
— KH: Diese Vorschläge sind gut, keine Frage, aber man muss wieder weg von dem Meckern. Einfach wieder ein bisschen mehr „leben und leben lassen“.

Der Hotelier und der Grüne Image 10
Den kompletten Podcast finden Sie auf iTunes und Spotify  

Geschafft, nach zwei Stunden und mehreren Runden auf der Elbe haben unsere Gäste wieder festen Boden unter den Füßen
Geschafft, nach zwei Stunden und mehreren Runden auf der Elbe haben unsere Gäste wieder festen Boden unter den Füßen

FOTOS — Catrin-Anja Eichinger
Mit freundlicher Unterstützung von Barkassen Meyer und Carl Konferenztechnik
Datenschutz