Interview

»Wir profitieren alle von den neuen Velorouten«

Seit gut zwei Jahren engagiert sich Fahrradkoordinatorin Kirsten Pfaue mit einem neuen Velorouten-Konzept und dem Bündnis für den Radverkehr für ein lebenswertes Hamburg – auch für Gäste. Ein Gespräch über Erfolge, Herausforderungen und warum ihr Herz für den Tourismus schlägt
INTERVIEW — Ulrike Fischer 

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um Alten Steinweg 4 hätte man locker mit dem StadtRAD kommen können. Gleich zwei Stationen befinden sich in der Nähe der Behörde für Wirtschaft, Verkehr und Innovation, und die erste halbe Stunde ist bekanntlich kostenfrei. Aber die Temperaturen sind eher ungemütlich und die U3 hält auch gleich um die Ecke.

Wir treffen Kirsten Pfaue in einem klassischen Behördenraum, grau und ohne Schnickschnack, nur dass hier anstelle des Konferenztisches ein großer Multi- Touch-Table mit interaktivem Bildschirm steht, auf dem Frau Pfaue sämtliche Pläne, Routen, Ist- und Sollstände abrufen kann. Von zwölf auf 25 Prozent soll der Radverkehrsanteil mittelfristig steigen. So steht es im Programm des Bündnisses für den Radverkehr Hamburg. Im Hamburger Abendblatt stand dagegen neulich, dass der Ausbau der Velorouten zu langsam vorangehe. Kirsten Pfaue winkt ab, denn sie könnte beweisen, dass es noch nie eine solche Fahrradoffensive für Hamburg gegeben hat.

Wie wird man das eigentlich, Fahrradkoordinatorin?
Kirsten Pfaue: Ich liebe das Fahrradfahren! In jungen Jahren habe ich sehr viel Handball gespielt beim TSV Sasel und Wandsbek 72. So bin ich kreuz und quer durch die Stadt gefahren und habe alle Handballhallen und Stadtteile per Rad kennengelernt. Ich fand das toll! Und als andere in den Ferien Interrail gemacht haben, bin ich mit einer Freundin mit dem Rad in den Urlaub gefahren. Mit 16 an die Mosel, später dann Skandinavien und Korsika. Mein Studium habe ich unter anderem als Radreiseleitung finanziert. Deshalb ist mir der touristische Aspekt des Radfahrens sehr nahe.

Kirsten Pfaue blickt nicht nur gut gelaunt in die Kamera, sondern auch in die Zukunft: „Die Leute haben begriffen, dass wir gar keine Wahl haben angesichts der aktuellen Verkehrssituation. Und wenn das Konzept erst umgesetzt ist, werden auch die Kritiker verstummen.“
Kirsten Pfaue blickt nicht nur gut gelaunt in die Kamera, sondern auch in die Zukunft: „Die Leute haben begriffen, dass wir gar keine Wahl haben angesichts der aktuellen Verkehrssituation. Und wenn das Konzept erst umgesetzt ist, werden auch die Kritiker verstummen.“

»Fast alle Touristen kommen in der Innenstadt an. Auf den neuen Velorouten können sie Hamburg auch in entlegeneren Ecken erkunden«

Kirsten Pfaue
Und wie kamen Sie dann in den Vorstand des ADFC e. V.?
Das habe ich ehrenamtlich gemacht, weil mich das Thema Fahrradfahren zunehmend auch städteplanerisch interessierte. Was macht das Radfahren mit den Menschen, wie verändert sich die Stadt? Aber natürlich kommt man zu meinem Job nicht nur durch Begeisterung. Ich bin Juristin, spezialisiert in Streitschlichtung und habe bei der Stadt Hamburg in verschiedenen Bereichen als Verwaltungsjuristin gearbeitet. Hamburg soll fahrradfreundlicher werden. Meine zentrale Rolle ist, dass alle Akteure, die insbesondere in der Hamburger Verwaltung an diesem Thema in ganz unterschiedlichen Bereichen arbeiten, an einem Strang ziehen. In den drei Bereichen Infrastrukturausbau, Serviceausbau und Kommunikation sollen parallel Maßnahmen für den Radverkehr gefördert werden. Dazu stimme ich mich mit Entscheidungsträgern ab, spreche mit den Kollegen aus den Bezirksämtern oder vom Landesbetrieb für Straßen, Brücken und Gewässer. Viele sind involviert mit ganz unterschiedlichen beruflichen Hintergründen und Blickwinkeln, vom Stadtplaner über die Haushälter bis zum Polizisten vor Ort.

Als Sie sich 2015 auf die in Hamburg erstmals ausgeschriebene Stelle bewarben, war da bekannt, dass Sie im Thema sind?
Ja. Ich hatte zum Beispiel im Jahr 2014 als Vorstandsvorsitzende des ADFC Hamburg die Chance, vor Hamburgs Erstem Bürgermeister und anderen Entscheidungsträgern einen Vortrag über die Visionen zum Radverkehr in Hamburg 2030 zu halten. Das hat sicher geholfen.

Was haben Sie anfangs vorgefunden?
Es gab eine Radverkehrsstrategie aus dem Jahr 2009 und klare Vorgaben aus dem Koalitionsvertrag von 2015. Klares Ziel des Hamburger Senats ist, den Radverkehr stark zu fördern. Das ist kein Spaziergang, sondern eher eine Mission. Hamburg ist viele Jahrzehnte als autogerechte Stadt geplant worden. Es ist eng in den Straßen, hoher Baumbestand und viele parkende Autos machen die Planung nicht einfacher.

»Wir profitieren alle von den neuen Velorouten« Image 2
Hätten Sie’s gewusst?
Die umtriebige Frau Pfaue hat sogar schon mal die Goldene Palme gewonnen, einen Award, den die Zeitschrift GEO Saison alljährlich auf der ITB vergibt. In der Kategorie „Aktiv- und Genießerreisen“ gewann der ADFC Hamburg 2012 mit Kirsten als Landesvorsitzender und dem Veranstalter Die Landpartie den 1. Platz für die ADFC-Radreise Hamburg-St. Petersburg. Aktuell eröffnet Frau Pfaue die VELOHamburg. Das Fahrradfestival findet am 26. + 27.5. in der Rindermarkthalle St. Pauli statt. Rund 100 Aussteller und ein umfangreiches Programm laden zum Entdecken und Ausprobieren ein.
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velohamburg.com

Info zur Radverkehrsförderung in Hamburg:
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hamburg.de/radverkehr/
Wie sind Sie vorgegangen?
Wir schieben parallel in den drei Säulen Infrastruktur, Service und Kommunikation Maßnahmen an. Das führt zu einer starken Verzahnung und Dynamik.

Dann starten Sie doch mal mit der Infrastruktur.
Gern. Hamburg hat ein Straßenverkehrsnetz von insgesamt 4000 Kilometer Länge. Es ist unmöglich, überall gleichzeitig mit der Radverkehrsförderung zu starten. Deshalb haben wir Prioritäten gesetzt und bauen in einem ersten Schritt das Hamburger Veloroutennetz aus. Das Netz umfasst eine Länge von 280 Kilometern und führt auf 14 Routen sternenförmig in die Stadt. Aus allen Himmelsrichtungen soll es möglich sein, komfortabel und unterbrechungsfrei in die City zu radeln. Das ist auch für Touristen interessant. Viele kommen mit der Bahn in der Innenstadt an. Dort stehen unsere StadtRäder zum Leihen zur Verfügung, die für schöne Touren genutzt werden können. Beispielsweise entlang der Veloroute 8, vorbei an den Boberger Dünen nach Bergedorf und über die Vier- und Marschlande an der Elbe zurück.

Wird sich Ihrer Ansicht nach der Tourismus verändern?
Der Veloroutenausbau bietet viele neue Möglichkeiten, Hamburg zu erfahren und zu entdecken! Touristen können auf der Veloroute 4 vorbei an Außenalster und Kanälen fahren und zurück gemütlich am Alsterlauf zurück. Schon unterwegs sehen sie auf ebener Strecke Hamburger Kaffeemühlen genauso wie viel Grün und funkelndes Wasser.

Guck mal! Auf dem Multi-Touch-Table zeigt Kirsten Pfaue, welche Abschnitte schon fertig sind und wo noch Bedarf ist
Guck mal! Auf dem Multi-Touch-Table zeigt Kirsten Pfaue, welche Abschnitte schon fertig sind und wo noch Bedarf ist

»Mit der U-Bahn losfahren, dann aufs Rad und durch die Natur fahren, es an der Elbe stehen lassen und mit der Fähre übersetzen: Das ist doch auch für Touristen attraktiv!«

Kirsten Pfaue, Fahrradkoordinatorin
Dennoch weht Ihnen auch in der Presse manchmal ganz schön der Wind entgegen?
Ja. Damit müssen wir leben, denn das Thema ist sehr vielschichtig und sehr emotional. Der Straßenraum ist begrenzt. Es liegt in der Natur der Sache, dass um den Platz gerungen wird. Wir gehen aber mit Tatkraft und entschlossen voran. Parallel setzten neun Realisierungsträger über 240 Maßnahmen um. Ziel ist es, bis 2020 das Veloroutennetz überwiegend fertig zu haben.

Zahlt sich das für den Tourismus aus?
Und wie! Sie können doch Ihren Gästen völlig neue Erlebnisse bieten! Es bringt Spaß, eine so schöne und vielseitige Stadt wie Hamburg unmittelbar auf dem Rad zu entdecken. Die Gäste können auf der Veloroute 1 in den Jenischpark fahren und weiter mit der Fähre über die Elbe zur besten Finkenwerder Scholle. Besonders interessant ist für Gäste sicherlich auch eine Tour durch den Alten Elbtunnel Richtung Willhelmsburg auf der Veloroute 11. Zum Glück kann man seit einigen Wochen nun auch in der Hamburg-Tourismus-App gucken, wie man Sehenswürdigkeiten per Rad erreicht und auch, wo sich die nächste StadtRAD-Station befindet.

Soll man alles mit dem StadtRAD der Bahn machen?
Damit wären wir beim Thema Service! Wir haben ein hervorragendes Fahrradleihsystem mit guten Konditionen und bauen auch gerade an allen wichtigen U- und S-Bahnstationen die Bike+Ride-Stationen aus. Hamburg ist gerade im Alltag zu groß, um ausschließlich mit dem Rad unterwegs zu sein. Auch der Mobilitätsmix ist für Touristen attraktiv: mit der Bahn losfahren, dann aufs Rad steigen, es stehen lassen und mit der Fähre über die Elbe setzen.

»Wir profitieren alle von den neuen Velorouten« Image 4
Schnell oder gemütlich?
Bike Citizens ist die erste Fahrrad- App speziell für Stadt und Umgebung. Die Bedienung ist leicht, das Konzept durchdacht. Man kann beispielsweise eingeben, ob man gemütlich, normal oder schnell unterwegs sein will und bekommt so die passende Route. Das Städtepaket Hamburg ist Dank des Senats bis zum 31. Juli 2018 kostenlos
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bikecitizens.net/de/
Das Wetter spielt ja nicht immer mit.
Gerade da ist der Mobilitätsmix doch super, weil ich mir aussuchen kann, ob ich per Rad, Bahn, Bus, Leihwagen oder Taxi an das Ziel kommen möchte.

Und wie kommunizieren Sie diese Konzepte, wie soll das bei der Bevölkerung ankommen?
Wir planen eine Kommunikationskampagne. Im Fokus steht die Frage, was eine Stadt lebenswert macht. Kopenhagen, Vancouver, Wien oder Amsterdam zeigen, wie es geht. Wir sind superfroh, unser Konzept mit Hamburg Marketing umzusetzen, weil wir das Thema Lebensqualität gemeinsam sehr gut bespielen können und hier eine Plattform besteht, auf der wir die neue Infrastruktur und die vielen Services sowohl Einheimischen als auch Touristen gut erklären können.

Wäre es nicht sinnvoller, die Kampagne zu starten, wenn alles fertig ist?
Im Gegenteil! Der Prozess soll für alle sichtbar und nachvollziehbar sein. Außerdem müssen wir uns schon jetzt nicht verstecken! Hamburg ist mit seinen StadtRädern führend in Deutschland und gerade auch zu Bike+Ride werden wir jetzt schon bundesweit von anderen Städten angefragt.

Sitzen denn auch Hamburgs Touristiker fest im Sattel?
Hamburg Marketing ebnet uns da den Weg. Die Idee, auch mit der Gastronomie über neue Pläne und Kooperationen zu sprechen, oder die Vorstellung, dass Hotels ihren Gästen irgendwann Räder mit gut gefüllten Picknickkörben anbieten und Touristen dann gemütlich zum Stadtpark radeln, finde ich jedenfalls reizvoll.

Die Leitung der Arbeitsstelle Radverkehr ist das eine, aber ohne Kirsten Pfaues Team mit den drei Ingenieuren, einer jungen Frau im Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) und Lena Voß (Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation, l.) wäre alles nicht zu schaffen
Die Leitung der Arbeitsstelle Radverkehr ist das eine, aber ohne Kirsten Pfaues Team mit den drei Ingenieuren, einer jungen Frau im Freiwilligen Ökologischen Jahr (FÖJ) und Lena Voß (Öffentlichkeitsarbeit und Kommunikation, l.) wäre alles nicht zu schaffen

FOTOS — Catrin-Anja Eichinger
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