Sharing Economy

Die Sachen der anderen

Alles, was man teilt, wird mehr. Wir teilen schöne Momente, gute Gefühle und gern auch mal die Riesenpizza mit Freunden. Auch die Sharing Economy liegt im Trend und erfasst immer mehr Bereiche des persönlichen Lebens. Was bedeutet die Ökonomie des Teilens für die Tourismuswirtschaft in Hamburg?
FOTO — Catrin-Anja Eichinger TEXT — Karolin Köcher

Generation Sharing

Ob Musik oder Moped, Wohnung oder Klamotten: Besonders junge Leute zwischen 16 und 24 stehen dem Sharing-Gedanken positiv gegenüber. Das ergab eine Studie des Projekts PeerSharing (
peer-sharing.de
)
S

haring ist smart und cool und derzeit so angesagt wie noch nie. Auch immer mehr Verkehrskonzepte setzen darauf, Bus, Bahn, Fahrrad, Mietwagen oder Roller miteinander zu kombinieren, um ans Ziel zu kommen und dafür auf das eigene Auto zu verzichten. Fahrgäste schnappen sich gemeinsam ein Fahrzeug, teilen Weg und Fahrpreis. Die Digitalisierung hat den Sharing-Hype in diesem Umfang erst möglich gemacht und sorgt durch entsprechende Plattformen und Apps weiter für eine rasante Beschleunigung. Ridesharing, Pooling, autonom fahrende Busse, Lufttaxis, mytaximatch – Hamburg wird zur Modellstadt für die Zukunft der Mobilität, da sind Sharing-Modelle ein wichtiger Bestandteil. Diese Angebote werden weiter zunehmen, das ist auf jeden Fall kein Short-Term-Trend, meinen Experten.

Rooms and Ride

Iglus, Baumhotels, Boutique-Hotels, Experiences – die Plattform Airbnb steht wie wohl kein anderer für die Sharing-Ökonomie. Als der Homesharing-Anbieter kürzlich in seiner 10-Jahres- Strategie ankündigte, sein Angebot auf weitere Bereiche auszuweiten, ließ der Aufschrei nicht lange auf sich warten. „Airbnb nimmt den Klassenkampf auf“, „Airbnb will mit neuen Angeboten wie Airbnb Plus auch das Luxussegment erobern ...“, titelten die Medien und befanden: Eine Kampfansage. Besonders Hotels der gehobenen Klasse sollten nicht allzu beruhigt schlafen, so der Rat. Auch wenn die Bereiche Rooms und Ride die Tourismuswirtschaft am meisten aufmischen – Sharing gibt es in immer mehr Bereichen, ist längst kein Hipster- oder Start-up-Phänomen mehr.


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Dogan Ayhan, Co-Founder & CMO des Hamburger Social Dining Start-ups CHEF ONE

„Wir sehen uns keinesfalls als Konkurrenz zur klassischen Gastronomie. Uns geht es vielmehr darum, Menschen in einem besonderen Setting miteinander zu verbinden. Aktuell kooperieren wir auch mit Restaurants, die uns mehrmals in der Woche einen sogenannten Social Table zur Verfügung stellen, an dem sich Gäste einbuchen können und andere Leute dort antreffen, statt im privaten Zuhause. Die Energie, die bei echten sozialen Interaktionen freigesetzt wird, kann niemals mit der der virtuellen mithalten. Der Mensch sehnt sich nach Gemeinschaft und kriegt genau das bei uns geboten: ein Erlebnis mit Menschen.

Geteiltes Kleid ist halbes Kleid

Die Botschaft, dass wir nachhaltig und ressourcenschonend wirtschaften müssen, ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Leihen statt Kaufen, Benutzen statt Besitzen, wer könnte etwas dagegen haben? Foodsharing, Kleider- und Werkzeugtausch, Versicherungen, Möbel – längst hat auch das Auto seinen Nimbus verloren. Co-Konsum, Upcycling, DIY – das alles ist Sharing. Nichts ist unteilbar, das gilt für immer mehr Bereiche des persönlichen Lebens. „Meine Katze lasse ich in der Wohnung“, schreibt ein privater Wohnungsanbieter seinen Gästen in den Blog.

Hamburg gilt als eine der Sharing-Gründerhochburgen. Die Hansestadt scheint prädestiniert, weil es eine gewachsene Kultur des Vertrauens und der Handschlaggeschäfte gibt, eine Grundvoraussetzung für Sharing. Wie die Beispiele Airbnb, Wimdu, 9flats, Uber etc. zeigen, haben die neuen Geschäftsmodelle die Kraft, bisherige Konzepte disruptiv infrage zu stellen.

Teilen? Kann man zumindest mal probierenSharing hat auch die Gastronomie erreicht, Social-Dining- Plattformen wie Eatwith und Chef One sind das Airbnb des Speisens
Teilen? Kann man zumindest mal probieren
Sharing hat auch die Gastronomie erreicht, Social-Dining- Plattformen wie Eatwith und Chef One sind das Airbnb des Speisens

»Hamburg ist eine der Gründerhochburgen im Bereich der Sharing Economy«

Olaf Rotax, Managing Director dgroup

Mietverträge für Kaffeemaschinen und Drohnen

Wenn Start-ups wie LifeThek in Altona Werkzeuge, Spielzeug und Zelte verleiht, wer kauft dann noch? „Wir beobachten ein verändertes Konsumentenverhalten“, so Brigitte Nolte vom Handelsverband Nord. „Noch können wir aber keinen nennenswerten Rückgang des Einzelhandelsumsatzes durch Sharing erkennen.“ OTTO ist längst auf den Zug aufgesprungen, will das Mietportal OTTO NOW weiter ausbauen. Mehr als 10 000 Mietverträge für Fernsehgeräte, Smartphones, Kaffeeautomaten, Waschmaschinen oder Drohnen seien bislang abgeschlossen worden. „Die Sharing Economy ist so präsent und beliebt wie nie“, so Marc Opelt, Bereichsvorstand Marketing und Sprecher des Onlinehändlers.

Spielregeln sind wichtig

„Die Sharing Economy, sofern sie die entgeltliche Vermietung von privatem Wohnraum betrifft, hat einen äußerst negativen Einfluss auf die Tourismuswirtschaft“, so Franz Klein, Präsident der DEHOGA in Hamburg. „Sie verzerrt den Wettbewerb zulasten der Hotellerie, die aufwendigen Brandschutz-, Hygiene-, Sicherheits- und Meldebestimmungen unterliegt. Darüber hinaus ist die Sharing Economy Ursache für die vielfache Zweckentfremdung des ohnehin knappen Wohnraums und entzieht sich der Zahlung von Steuern und Abgaben. Allein in Hamburg gehen dadurch jährlich circa drei Millionen Euro an Kultur- und Tourismustaxe verloren.“ Er fordert dringend entsprechende gesetzliche Regelungen.

Tourismusverbands-Chef Norbert Aust erinnert sich gern daran, vor 20 Jahren in Italien eine kurze Zeit zur Untermiete in einer alten römischen Villa gewohnt zu haben. Untermiete – oder war das auch schon so eine Art Airbnb? Er habe nie behauptet, dass die Idee im Grundsatz falsch sei. Vergessen werde darüber nur schnell, dass es auch hier ums Geldverdienen geht und dass Regeln eingehalten werden müssen. Die gesellschaftliche Entwicklung sei mal wieder schneller als der Gesetzgeber.


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Klaus Bostelmann, Hamburg-Greeter e.V.

„Als Greeter teilen wir gerne mit unseren Gästen: unsere Liebe zu Hamburg, unsere Lieblingsorte, unsere Freizeit. Und aus dem Teilen wird oft ein Tausch, denn wir erfahren etwas über unsere Gäste, ihre Heimat, ihre Ansichten. Manchmal kommen Gäste, die als Freunde gehen. Und wenn alles ,economy‘ ist, sind wir wohl Teil der ,shared economy‘– obwohl wir ja überhaupt keinen Umsatz machen.“

Ruf nach Regeln

„Sharing Economy gehört zum Zeitgeist“, so auch Michael Otremba, Geschäftsführer der Hamburg Tourismus GmbH. „Die Grundidee von Airbnb finden wir sehr charmant und authentisch.“ Aber natürlich wehre sich die Hotellerie zu Recht gegen illegale gewerbliche Konkurrenten. „Zudem darf es auch nicht so weit kommen, dass kaum noch Nachbarschaftsbeziehungen mehr bestehen, weil immer neue Gäste in der Wohnung nebenan sind. Es gilt, Regeln zu vereinbaren und diese auch zu kontrollieren.“ Die Hamburger Hotellerie kann glänzende Zahlen vorweisen. Die Belegungsquote ist so hoch wie nie, zahlreiche Neubauten und Neueröffnungen stehen an. Darunter viele spannende Konzepte. Doch sind sie, heute konzipiert, auch spannend genug für die Gäste von morgen? Immer mehr Unternehmen suchen außergewöhnliche Räume für ihre Meetings und Firmen-Events und buchen szenige Coworking Spaces mit kreativem Spirit. Auch in Hamburg öffnen immer mehr Coworking Spaces – wie Mindspace, WeWork, Beehive oder Craftspace. Teilen kann nur der, der etwas hat, was ein anderer begehrt.

Chance und Challange

So stehen die disruptiven Risiken neuer Sharing-Geschäftsmodelle den Chancen gegenüber, entsprechend animiert eigene Produkte und Services zu entwickeln. Die Gäste suchen ja ganz offensichtlich kreative Ergänzungen zu den herkömmlichen Angeboten.

Auf dem Weg in die richtige RichtungDie StadtRäder der Deutschen Bahn sind schon jetzt nicht mehr aus dem Verkehr wegzudenken. Beim Carsharing ist allerdings noch Luft nach oben
Auf dem Weg in die richtige Richtung
Die StadtRäder der Deutschen Bahn sind schon jetzt nicht mehr aus dem Verkehr wegzudenken. Beim Carsharing ist allerdings noch Luft nach oben

»Auch die Hotellerie wird sich in diesem Bereich weiter wandeln«

Kai Hollmann, „25hours“, „Gastwerk“, „PIERDREI“
„Sharing-Konzepte gibt es in unseren Hotels schon: Leihfahrräder, Spritztouren im Leih-Mini oder Jaguar“, so Hotelier Kai Hollmann („25hours“, „Gastwerk“). Auch die Hotellerie wird sich in diesem Bereich weiter wandeln und diese Entwicklung weiter aufgreifen und umsetzen.“ So soll es im neuen „PIERDREI“ in der HafenCity auch Share-Wohnwagen auf der Dachterrasse geben.

Gegentrend: Sehnsucht nach echter Begegnung

Die Digitalisierung, die durch die Plattformökonomie Sharing in großem Umfang überhaupt erst möglich macht, befördert gleichzeitig den Gegentrend zur kalten Technik: die Sehnsucht nach echten Menschen, echten Kontakten, sinnlichen Erlebnissen und dem Bedürfnis, nicht nur als zahlender Gast willkommen zu sein.

Aus dieser Erkenntnis ergeben sich wertvolle Ansätze für neue Geschäftsmodelle. Dass es dabei nicht immer vordergründig nur oder sofort ums Geld gehen muss, zeigen erfolgreiche Konzepte aus Hamburg. So werden zum Beispiel beim Social Dining des Start-ups Chef One Menschen zum Essen nach Hause eingeladen. Im Mittelpunkt steht nicht die Pasta, sondern das gemeinsame Gespräch.


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Brigitte Nolte, Geschäftsführung Hamburg, Handelsverband Nord

„Die Nachfrage bestimmt das Angebot und wer beispielsweise durch das Leasen einer Waschmaschine Geld spart, konsumiert vielleicht etwas anderes. Noch können wir keinen nennenswerten Rückgang des Einzelhandelsumsatzes durch Sharing erkennen. Sharing liegt einfach im Trend. Ein Problem liegt aber sicherlich in unzureichender Regulierung von marktmächtigen Plattformen der Sharing Economy.“

Sie machen es richtig: Nah ran an die Ureinwohner

Gäste wollen Sharing, und Sharing heißt Nähe. Das wissen auch die Hamburg Greeter. Die ehrenamtlichen „Begrüßer“ zeigen den Besuchern Hamburg auf ihre ganz eigene Weise, sehr persönlich und individuell. Sie lieben ihre Stadt und zeigen Orte, die man sonst nicht sieht. Die Touristen möchten den Bewohnern Hamburgs und ihrem Leben so nah wie möglich kommen – und Touristen möchten sie schon gleich gar nicht genannt werden.

Komm als Gast – geh als Freund – Motto der Hamburg Greeter

Die Greeter kommen auch deshalb gut an, weil sie so authentisch sind. Anders als zum Beispiel viele Influencer (von wem gesponsert?). Glaubwürdigkeit ist die neue Währung in Zeiten von Facebook und Internet.

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Wie sieht das Sharing der Zukunft aus?
Zukunftsthesen von Olaf Rotax, Managing Director bei der dgroup, einer der führenden Beratungen für digitale Transformation in Europa und Teil des globalen Accenture- Netzwerkes

1 — Der Markt in Deutschland wächst weiter. Sowohl Nutzer als auch Anbieter werden hinzukommen.
2 — Generation Gap; Share- Economy-Treiber sind gut gebildete „U-40“. Diese werden den Markt weiter vorantreiben.
3 — Share Economy entwickelt sich zunehmend zu einer Plattform für professionelle Anbieter.
4 — Der stärkste Wachstumstreiber ist Vertrauen. Dazu zählen auch Rechtssicherheit, wenn es um Schäden und andere Probleme geht, glaubhafte Qualitätsstandards, echtes Experten-Know-how bei den Anbietern und Sicherheitsaspekte.
5 — Kein Short-Term-Trend, Sharing wird Communities stärken, wird Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben, altruistische Motive werden bis 2030 durch ökonomische ersetzt.

Sharing im Marketing und Vertrieb

Das veränderte Medienverhalten hat auch das Marketing grundlegend verändert. Die alten Botschaften wirken nicht mehr. In der Sharing Economy wollen Kunden beteiligt werden: Unternehmen müssen in einen Dialog mit ihren Kunden eintreten.

Auch Bewertungsportale funktionieren nach dem Sharing-Prinzip. Im Idealfall schaffen sie Transparenz und machen Kundenerfahrungen sichtbar. Doch in der Hotelbranche grummelt es: Bewertungsportale seien schon längst keine neutralen Plattformen für Gästemeinungen mehr, sondern Vermittlungsportale für Hotelübernachtungen und damit potenzielle Konkurrenten. Sie würden der eigenen Sichtbarkeit im Netz daher mehr schaden als nutzen.

The future of sharing

Wie geht es nun weiter mit der Sharing Economy? Wird bald alles Sharing sein? „Bis 2022 werden neue Sharing-Plattformen mit neuen Innovationen in den Markt gehen, das Vertrauen in die Technologie wird steigen“, so die Prognose von Olaf Rotax, Vordenker und Managing Director der dgroup (Accenture) in Hamburg. „Durch Blockchain, IoT und AI werden Plattformen interaktiver und agiler.“ Genauso wichtig aber sei der menschliche Faktor. Und die Chance: Die innovativen Entwicklungen, die von den Plattformen ausgehen, können dem Tourismus neue Impulse geben, neue Zielgruppen von Reisenden ansprechen. Sharing. Ein Bedürfnis. Ein Gefühl. Ein Geschäftsmodell. Die Zukunft, so scheint es.

»Als Greeter teilen wir gerne mit unseren Gästen: unsere Liebe zu Hamburg, unsere Lieblingsorte, unsere Freizeit«

Klaus Borstelmann, Hamburg-Greeter
Auf die Gastfreundschaft!Ob Airbnb, kleine Pension oder schickes Hotel – mit den richtigen Spielregeln haben alle Platz in der Stadt. Und Hamburgs Gäste freuen sich über ein vielfältiges Angebot
Auf die Gastfreundschaft!
Ob Airbnb, kleine Pension oder schickes Hotel – mit den richtigen Spielregeln haben alle Platz in der Stadt. Und Hamburgs Gäste freuen sich über ein vielfältiges Angebot

FOTOS — Chef One, PR, Catrin-Anja Eichinger, privat
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