Raus aus der Mitte

Auf nach Norden!

Stadtpark und City Nord, Winterhude und Langenhorn, bunte Kulturszene und der größte Parkfriedhof der Welt – ein Rundreise durch den Bezirk Hamburg-Nord
TEXT — Christian Hanke

H
amburg-Nord: Das klingt nicht gerade einladend. Eher sachlich, nüchtern verströmt dieser Begriff die Aura einer Verwaltungseinheit von Krankenkasse oder Technischem Überwachungsverein. Auch einer der sieben Hamburger Bezirke heißt so, ein Bezirk, dessen Grenzen im Gegensatz zu vielen anderen am Reißbrett gezogen wurden, ein Gebiet ohne lange Tradition. Ausgerechnet dieser Bezirk umfasst ein großes Spektrum an Stadtteilen und -vierteln, die alles andere als Sachlichkeit ausstrahlen.

Man denke nur an Eppendorf, Winterhude oder Hoheluft-Ost! Wunderbare, citynahe Stadtteile mit heiß begehrten Gründerzeithäusern, Wochenmärkten und einer vielseitigen, einladenden Gastronomie. Oder die Villenviertel an der Außenalster wie Uhlenhorst und Teile von Winterhude, Gebiete mit Vorortcharakter und viel Grün wie Groß Borstel, Alsterdorf, Ohlsdorf, Fuhlsbüttel und Langenhorn, nicht zu vergessen das immer begehrter werdende Barmbek mit pulsierendem Leben und kleinen Stadtteilen mit ganz eigenem Charme wie Dulsberg und Hohenfelde.

Auf nach Norden! Image 1

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Monument im Stadtpark
Ob ein Nachtflug durch die Galaxis in 3D, Konzerte mit Hamburger Lokalgrößen, ein kühles Getränk im Café Nordstern oder einfach nur der geniale Ausblick über ganz Hamburg – Das Planetarium ist ein touristisches Must-Have! 1912-1915 als Wasserturm errichtet, wurde es bereits 1930 zum Planetarium umgebaut. 380.000 Tickets verkaufte das Sternentheater im letzten Jahr – alles richtig gemacht!
Gemeinsam ist allen diesen Stadtteilen die Lage an der Alster, ihren Kanälen und Nebenflüssen, früheren Lebensadern der Region, heute als Wohnlage und für Freizeit- und Sportaktivitäten ganz hoch im Kurs. Daher zählen die meisten Stadtteile auch zu den begehrten der Stadt, zum Wohnen, zum Spazierengehen, zum Essen und Trinken. Wasser und Grün, Elemente, für die Hamburg bekannt ist, finden sich reichhaltig in Hamburg- Nord.

Der Bezirk ist aber nicht nur einfach schön. Zum Beispiel Eppendorf. Neben prächtigen Etagenhäusern an der Eppendorfer Landstraße und einigen Nebenstraßen mit ihren 8-Zimmer- Wohnungen und den Backsteinvillen in der früheren Looge, der Gemeinweide des Dorfes zwischen Alster, Isebekkanal und U-Bahntrasse, bietet der als schickes Schnöselviertel verschrieene, im Zweiten Weltkrieg nahezu unzerstörte Stadtteil viele kleine Gänge und Ecken, die an Kleingewerbe und Hinterhofenge erinnern, heute vielfach von den Bewohnern zu kleinen Idyllen gestaltet wie im Schrammsweg oder im ganz großen Stil in den Falkenried-Terrassen zwischen Löwenstraße und Falkenried im benachbarten Hoheluft-Ost, dem größten Terrassenviertel Hamburgs. In Eppendorf, einst ein sozial gemischter Stadtteil, wohnten auch Arbeiter. In den gleichförmigen Häuserzeilen im Westen, zwischen UKE und Lokstedter Weg, gab es SPD- und KPD-Straßen. An der Tarpenbekstraße lebte sogar einige Jahre der KPD-Vorsitzende Ernst Thälmann. Noch heute erinnern eine Gedenkstätte und ein nach ihm benannter Platz an den 1944 im KZ Buchenwald ermordeten Politiker. Wohl einer der letzten Ernst-Thälmann-Plätze in Deutschland.

»Man denke nur an Eppendorf, Winterhude oder Hoheluft-Ost! Wunderbare, citynahe Stadtteile mit heiß begehrten Gründerzeithäusern«

Christian Hanke
Auch Winterhude begeistert durch das wenig zerstörte Altbauviertel. Mit seinen Kanälen atmet das Quartier rund um den Mühlenkamp im Osten des Stadtteils einen ganz besonderen Charme mit einer Note Klein-Amsterdam, der sich in Uhlenhorst am Hofweg fortsetzt. Am Mühlenkamp und in den Nebenstraßen Poelchaukamp und Gertigstraße locken kleine, feine Läden, Bistros, Cafés, eines sogar am kleinen Mühlenkampkanal. Am Osterbek- und Goldbekkanal lassen sich idyllische Uferwege entdecken. Die ganze Pracht dieser Wasserwege erfährt man aber erst bei Schiffsfahrten durch die von Kleingewerbe aus früheren Jahren und Kleingärten geprägten Kanäle. An den Industriestandort Winterhude erinnern hier viele, inzwischen umgenutzte Gebäude, zum Beispiel am Goldbekplatz das Kulturzentrum Goldbekhaus, und besonders eindrucksvoll: das Kampnagel-Theatergelände am Osterbekkanal, die letzten Überreste einer der großen Winterhuder Fabriken. Es lockt seit über 30 Jahren mit Avantgarde-Theater, Schwerpunkte sind Tanz und Performance.

Einzigartig: Der Ohlsdorfer Friedhof ist mit 389 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt, 580 Prominente von Hans Albers bis Helmut Zacharias fanden hier ihre letzte Ruhe
Einzigartig: Der Ohlsdorfer Friedhof ist mit 389 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt, 580 Prominente von Hans Albers bis Helmut Zacharias fanden hier ihre letzte Ruhe

»An der Ohlsdorfer Schleuse endet die Alster als Kanal. Ab Fuhlsbüttel schlängelt sich Hamburgs zweitlängster Fluss wieder wie seit Jahrhunderten durch Wiesen und Wälder«

Christian Hanke
Winterhude – das ist aber auch Stadtpark, City Nord, prächtige Villen an der Alster in den Vorzeigestraßen Leinpfad und Bellevue, kleine, größtenteils schick herausgeputzte ehemalige Bleicher- und Wäscherhäuser nahe dem Winterhuder Marktplatz und die Jarrestadt, das Rotklinkerviertel zwischen Barmbeker Straße und Wiesendamm, ein Musterbeispiel für den licht- und luftdurchlässigen Reformwohnungsbau der 1920er-Jahre. Kein Stadtteil in Hamburg-Nord ist so vielseitig wie Winterhude. Der größte ist er übrigens auch.

Den zweiten Platz belegt das ehemalige Arbeiterviertel Barmbek, das aus zwei Stadtteilen besteht, dem noch von einigen Altbaustraßen geprägten Barmbek-Süd und dem größtenteils erst ab den 1920er-Jahren erbauten Norden mit seinem größeren, aber auch nicht so einheitlich wie in der Jarrestadt gestalteten Reformwohnungsbau. Davon blieben aufgrund der Bauweise mit Stahlskeletten mehr Gebäude erhalten als von den Altbauten des Südens, die größtenteils den Bombenangriffen des Zweiten Weltkriegs zum Opfer fielen. So ist Barmbek heute vor allem von schlichten Neubauten ab den 1950er-Jahren geprägt, die sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. Gerade die jüngere Generation fand hier in den letzten Jahrzehnten noch bezahlbaren Wohnraum. Die Fuhlsbüttler Straße, die „Fuhle“, Hauptachse vom Bahnhof Barmbek nach Norden, zeigt sich heute als wuselige Meile mit verschiedensten Geschäften und Restaurants, Kneipen und Bistros, deren Geschmacksrichtungen nahezu den ganzen Erdball widerspiegeln.

HAMBURG-NORD – ACHTMAL TOP!

Hier kommen Klinker und Beton, grüne Oasen und Kultur vom Feinsten
MIT UNTERSTÜTZUNG VON—Daniel Gritz, Pressesprecher Bezirksamt Nord

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Backstein-Architektur
Hier gibt’s Klinker ohne Ende: Die Fritz-Schumacher-Siedlung in Langenhorn und die Backstein- Architektur auf dem Dulsberg mit den Frankschen Laubenganghäusern beispielsweise. (Vergessen wird hier gern mal die dazugehörige Gartenarchitektur. Immerhin war es Otto Linne, Hamburgs erster Gartendirektor, der die Grünzüge gestaltete). Auch die Jarrestadt mit ihren geschwungenen Backsteinfassaden zeugt eindrucksvoll von der Ära Schumacher.


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Wochenmärkte
Bei der Größe kein Wunder: 14 Wochenmärkte finden in Hamburg-Nord regelmäßig statt. Immer gut besucht: der gemütliche Markt am Goldbekufer mit einem guten Mix aus Obst-, Gemüse- und Blumenständen sowie leckeren Genussbuden von asiatisch bis Pommes-Schranke. Rein biologisch geht es auf dem Winterhuder Wochenmarkt zu. Hier kommt fast alles aus der Region. Gleich beim U-Bahnhof Langenhorner Markt im kleinen Einkaufzentrums „Langenhorner Mitte“ bieten über 70 Händler alles, was das Herz begehrt! Sehr zu empfehlen: Die „Fischreihe“, in der es – na was wohl? – in allen Varianten gibt.


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City Nord
Die großen Zeiten der City Nord als Vorzeigeprojekt „Arbeiten im Grünen“ mit Postpyramide und BP-Haus sind Geschichte. Die Pyramide wurde erst vor Kurzem, das ebenso dem Brutalismus zuzuordnende BP-Haus bereits 2014 abgerissen. Immerhin steht die Edeka-Zentrale noch, die mit ihren schwarzen, roten und blauen Elementen beweist, dass Beton nicht immer grau sein muss. Man kann in der City Nord sehr schön betrachten, wie Stadtentwickler Ende der 1950er gedacht haben. Kein Wunder, dass auch hier Tourguides gut gebucht sind. Und das Buch „City Nord. Europas Modellstadt der Moderne“ von Sylvia Sogga kann man fast wie einen Stadtführer benutzen (Dölling und Galitz, 19,90 €). Und warum nicht mal im neuen „Holiday Inn“ übernachten?


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Ohlsdorfer Friedhof
Er ist der größte Friedhof Europas und der größte Park-Friedhof der Welt. Spannend, wie das 389 Hektar große Gelände in einzelne Zonen angelegt ist. Man kann sich treiben lassen und auf eigene Faust auf Entdeckungstour gehen oder einen der verschiedene thematischen Rundwege wählen. Der Friedhof Ohlsdorf veranstaltet interessante und abwechslungsreiche Führungen: Ob Engel-Tour, Der stille Weg, Künstlerinnen-Führung oder Radtouren zu den wichtigsten Orten. Zudem gibt es regelmäßig spannende Vorträge. Mit der Friedhof- Ohlsdorf-App (2,29 Euro) kann man Orte und Prominente nach Alphabet finden und besuchen.


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Kultur im Bezirk
Eine einzelne Kulturstätte hervorzuheben, wäre in diesem Fall fahrlässig, denn ob Winterhuder Fährhaus oder Alma Hoppes Lustspielhaus, Kampnagel oder Ernst-Deutsch-Theater, Museum der Arbeit mit Zinnschmelze oder Goldbekhaus: Das kulturelle Leben in Nord ist genau so vielfältig wie der ganze Bezirk. Bestimmt ist Kampnagel als größtes freies Theater Europas mit seinem avantgardistischen Programm, dem Sommerfestival und vielfältigen Aktivitäten international am bekanntesten. Aber keine der Einrichtungen muss sich dahinter verstecken. Was der Bezirk offensichtlich weiß: Hamburg-Nord ist der erste Bezirk, der in einer Kulturdatenbank Infos zu öffentlichen und privaten Kulturinstitutionen, Künstlern, Bücherhallen, Galerien und anderen Kulturanbietern versammelt. Die Datenbank bietet einen guten Überblick von der kleinen Stadtteilinitiative bis zum großen Theater.


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Stadtpark
Planetarium, Festwiese, Freilichtbühne, Lesecafé am Rosengarten, Stadtparksee, Biergärten ... Es gibt unzählige Gründe, seine Gäste zum Stadtpark zu schicken oder zu begleiten! Auch hier hatte Oberbaudirektor Schumacher seine Finger im Spiel. Gemeinsam mit Ferdinand Sperber entwarf der 1909 frisch berufenen Oberbaudirektor den quasi ersten Hamburger Volkspark als Gegenpol zur zunehmenden Industrialisierung und Bebauung der Stadt.


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Naturschutzgebiete Eppendorfer Moor und Raakmoor
Zwischen der Alsterkrugchaussee und dem Flughafen lädt das Naturschutzgebiet Eppendorfer Moor auf 26 Hektar zum Spazieren und Relaxen ein. Unzählige Moortypische Tier- und Pflanzenarten gilt es zu entdecken – keine andere deutsche Großstadt hat ein so zentral gelegenes Naturschutzgebiet. Wo nebenan der ewige Verkehr rauscht und einst der Grundwasserspiegel für den Bau der Alsterkrugchaussee abgesenkt werden musste, glänzen die beiden moorschwarzen Teiche, in denen Weiden und Erlen stehen. Rund 150 Nachtfalter-Arten und 320 Pflanzenarten zählen Botaniker. Für alle, die mal ein bisschen weiter rausfahren wollen: Das ländliche Raakmoor in Hummelsbüttel an der Grenze zu Schleswig-Holstein lohnt sich. Im Raakmoorteich leben unter anderem Brassen, Karpfen und Flussbarsche, die man aber – logisch – nicht angeln darf.


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Gedenkstätte Fuhlsbüttel
Auch die dunklen Kapitel der Stadt findet man im Bezirk Nord: Denn die JVA Fuhlsbüttel wurde schon 1933 zu einem berüchtigten Gefängnis für Andersdenkende. Über 200 Menschen aus zehn Nationen starben an den Folgen der Haft. 1987 wurde die „Gedenkstätte Konzentrationslager und Strafanstalten Fuhlsbüttel 1933–1945“ im ehemaligen Eingangsgebäude, einem Torhaus, der JVA eingerichtet. Eine Gedenktafel mit den Namen der im „Kola-Fu“ und im KZ-Außenlager getöteten Häftlinge ist im Eingangsbereich angebracht. Die Ausstellung schildert das Schicksal seiner Gefangenen in einzelnen Biografien.

Alt und Neu verbindet beeindruckend das ehemalige Fabrikgelände der New-York Hamburger Gummi-Waaren Compagnie am Barmbeker Bahnhof, heute das Museum der Arbeit. Wie wäre es beispielsweise mit einer spannende Reise in die vergangene Welt des Buchdrucks? Eine eingeschworene Gemeinde ehemaliger Drucker und Setzer zeigt immer montags, wie Bücher und Zeitschriften früher entstanden. Das Freiluftgelände wird von der T.R.U.D.E. dominiert, einer Schildvortriebsmaschine mit 14,2 Metern Durchmesser, die 1997 bis 2000 die vierte Elbtunnelröhre bohrte. T.R.U.D.E steht übrigens für „Tief Runter Unter Die Elbe“. Das gleichnamige Restaurant und die Zinnschmelze, Stadtteilkulturzentrum von Barmbek mit Gastronomie, in alten Gebäuden der Fabrik komplettieren das sehenswerte Ensemble. Je weiter man sich nach Norden begibt, umso aufgelockerter gestaltet sich die Bebauung. In Groß Borstel, Alsterdorf, Ohlsdorf, Fuhlsbüttel und Langenhorn sind Vororte erreicht, von alten Villen, zwei- bis dreistöckigen Häuschen und neuen Siedlungen geprägt, einst weit vor den Toren der Stadt gelegen. An der Ohlsdorfer Schleuse endet die Alster als Kanal. Ab Fuhlsbüttel schlängelt sich Hamburgs zweitlängster Fluss wieder wie seit Jahrhunderten durch Wiesen und Wälder. Schon Fuhlsbüttel ist hier Natur. Aber auch noch Großstadt, denn der Stadtteil beherbergt ebenso Hamburgs Flughafen. Dem Namen nach auch Hamburgs größtes Gefängnis „Santa Fu“, die Haftanstalt Fuhlsbüttel, die allerdings in Ohlsdorf liegt, das eher für seinen Friedhof bekannt ist, mit einer Größe von 389 Hektar der größte Parkfriedhof der Welt, größer als das Fürstentum Monaco. Ihm müsste man für Touristen eine eigene Geschichte widmen. In den nördlichen Stadtteilen ist die ländliche Vergangenheit noch an vielen Stellen präsent. Letzte reetgedeckte Häuser, viel Grün und Wanderwege wie an der Tarpenbek in Groß Borstel gehören zum Bild. Und insbesondere die Alster, die seit Jahrhunderten, vielleicht Jahrtausenden, das Gebiet, das heute so schlicht Hamburg-Nord heißt, mit ihren Nebenarmen durchfließt. Mitunter durch den Menschen verändert, aber besser erhalten als alles Land drumherum.

Bye-bye Postpyramide! Der brutalistische Bau (r.) wurde gerade abgerissen, der „Silberling“ am Überseering ist von 1992
Bye-bye Postpyramide! Der brutalistische Bau (r.) wurde gerade abgerissen, der „Silberling“ am Überseering ist von 1992

FOTOS — ajepbah, Patrick Sun, Sylvia Sogga
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