Interview

»Weil mich diese Stadt immer wieder begeistert«

Heinrich Schuster ist aus Hamburg nicht wegzudenken. Seine Roten Doppeldecker prägen das touristische Stadtbild seit den 1980ern. 33 Jahre fahren sie zur Internationalen Tourismusbörse Berlin. Auch im März 2018. Ein Gespräch über die Anfänge auf der ITB und ein Leben für den Tourismus
INTERVIEW — Sascha Albertsen, Ulrike Fischer 

H
ammerbrook trägt heute das klassisch hanseatische Grau. Der Wind pfeift ungemütlich um die Ecken, es nieselt. Wuchtig erhebt sich das Betonviadukt der S-Bahn über der Süderstraße/Ecke Grüner Deich. Grün ist hier nichts, aber sobald man das Gelände Heinrich Schusters betritt, strahlt einem das knackige Rot der Doppeldeckerbusse entgegen, die hier auf ihren Einsatz warten. Heinrich Schuster, Hamburger Urgestein des Tourismus, Träger der „Medaille für Treue Arbeit im Dienste des Volkes in Silber“ (Gold gibt es nicht), gelernter Koch, begeisterter Hobbykapitän und stolzer Besitzer des ehemaligen Kommandantenkutters des Segelschulschiffs „Gorch Fock“, empfängt uns mit Geschäftsführerin Katharina Fest in seinem gut geheizten Container-Büro. Unterm Tisch: Golden Retriever Lola, die sich zwischendrin immer mal wieder ihre Streicheleinheiten abholt.

Herr Schuster, erinnern Sie sich noch an Ihre erste ITB?
Heinrich Schuster: Aber klar! Das war 1984, da mussten wir noch mit den ganzen Prospekten im Bus durch die DDR. Große Reisekonzerne und andere Bundesländer wie Bayern zum Beispiel hatten auf dem Messegelände unterm Funkturm halbe Hallen gemietet. Wir standen da auf 60 Quadratmetern mit unserem System Octanorm Stand, der irgendwie die Alsterarkaden darstellen sollte, hatten eine blauen Teppich ausgerollt, ein paar Hamburgflaggen aufgestellt und eine kleine Kaffeemaschine von Darboven mit Plastiktassen. Das war schon reichlich improvisiert.

Dream-Team: Heinrich Schuster mit seinem Lieblingsmodell des alten Doppeldeckers aus den 1920er-Jahren und Geschäftsführerin Katharina Fest
Dream-Team: Heinrich Schuster mit seinem Lieblingsmodell des alten Doppeldeckers aus den 1920er-Jahren und Geschäftsführerin Katharina Fest

Aber dabei blieb es nicht, wie man heute sehen kann.
In den Folgejahren kam glücklicherweise die Zusammenarbeit mit der Hotelfachschule Hamburg dazu. Ich habe mich sehr gefreut, dass ich den Kontakt zu Hamburg Information herstellen konnte, ich war selbst damals einer der ersten Absolventen der Schule. Hamburg unterscheidet sich auf der Messe bis heute kulinarisch deutlich von den anderen Ständen. Alles wird frisch zubereitet. Wir haben damals einen großen Truck zur Küche umgebaut, die sieht aus wie eine U-Boot-Küche. 15 Köche zaubern da jedes Jahr die tollsten Sachen!

Gab es einschneidende Veränderung auf der ITB im Verlauf der Zeit?
Eigentlich war das insgesamt eine kontinuierliche Entwicklung. Mit der Zeit kamen immer mehr qualitativ hochwertige Aussteller dazu. Stage Entertainment hat viel eingebracht. Mit zwei Musicals nannte sich Hamburg ja schon Musical- Metropole (lacht). Beim dritten („König der Löwen“, Anm. d. Red.) war das dann in Ordnung. Die Musicals haben Hamburg einen richtigen Schub gegeben! Dass der Wirtschaftszweig Tourismus einen so hohen Stellenwert in der Stadt eingenommen hatte, merkten wir auch daran, dass plötzlich ein Herr von Dohnanyi die ITB besuchte und auch der damalige Wirtschaftssenator Wilhelm Rahlfs auftrat.

Eine Familie voller Gastgeber:
Schusters Eltern bauten mit Verwandten nach Kriegsende das Ausflugslokal „Gasthaus am Kiekeberg“ auf. Mutter Irma buk später auch Brot im Freilichtmuseum am Kiekeberg – woran sich vermutlich etliche Hamburger Schulkinder erinnern. Heute leitet Bruder Johannes das Gasthaus. Auch seine Tochter Irma ist mit von der Partie.
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kiekeberg.de
Vielen Hamburgern war das nicht geheuer.
Den Hanseaten ist es schwergefallen zu sagen, es sind nicht mehr der Schiffsbau, der Kaffee und die Kakaosäcke allein, die Hamburg wirtschaftlich ausmachen. Die Menschen kommen, um sich den Hafen anzusehen, das geschäftige Treiben, das man in kaum einer Stadt der Welt so zentral erleben kann. Man muss ja nur in eine Barkasse steigen und ist mittendrin. Alles riecht nach weiter Welt. Wir sind vielleicht nicht von der Größe her eine Weltstadt, aber wir handeln mit der ganzen Welt. Wenn ich meine Hand in die Elbe halte, fühle ich mich auch mit New York, Sydney und Antwerpen verbunden – und das konnten wir auf der ITB eigentlich immer ganz gut rüberbringen.

Gab es spektakuläre Ereignisse auf der ITB?
Das vier Meter hohe Modell der Elbphilharmonie 2016 war sehr beeindruckend. Dass Hamburg für 70 Millionen ein Konzerthaus baut, dass dann zehnmal so viel kostet und nicht fertig wird. Das war schon eine gute, wenn auch nicht geplante Inszenierung. Man hat ja mehrsprachig über die Elbphi gelacht – glücklicherweise kam dann Berlin-Brandenburg mit dem Flughafen-Drama. Und heute sind sowieso alle begeistert.

Kleine Rundfahrt: Sascha Albertsen führt die Hamburg App vor, Heinrich Schuster (r.) besitzt aber kein Smartphone. Nachrichten schreibt ihm Katharina Fest (2. v. r) auf gelbe Zettel
Kleine Rundfahrt: Sascha Albertsen führt die Hamburg App vor, Heinrich Schuster (r.) besitzt aber kein Smartphone. Nachrichten schreibt ihm Katharina Fest (2. v. r) auf gelbe Zettel

»Für mich sind es die vielen persönlichen, fast schon freundschaftlichen Kontakte, die die ITB zu etwas ganz Besonderem machen!«

Heinrich Schuster
Ihr Einsatz für die ITB ist beeindruckend. Salonwagen als Garderobe, Rote Eventküche, Tiefkühl-Lkw, Showtrucks für die gesamte Logistik und Sie die ganze Zeit vor Ort. Was treibt Sie dazu?
Der Quadratmeterpreis auf der Messe ist ziemlich hoch, da ist es einfach praktisch, alles, was nicht gebraucht wird, auszulagern ...

Sie engagieren sich auch weit über die ITB hinaus. Die Hansetage, auf denen Sie mit Ihrer Heringsbraterei unterwegs sind, das selbst gebraute Bier, Ihr unermüdlicher Einsatz in diversen Gremien. Was motiviert Sie, woher nehmen Sie die Energie?
Es ist ganz einfach die ungebrochene Begeisterung für diese Stadt. Ich lebe seit 60 Jahren bewusst in Hamburg, weiß noch genau, wie meine Mutter mit mir in der S-Bahn, damals noch mit Dampflok, von Harburg an die Landungsbrücken fuhr. 1957, die „Pamir“ war gerade untergegangen und das Schwesterschiff, die „Passat“, lag im Hafen. „Mein Sohn möchte so gern die Masten der Passat sehen, können Sie mal an die Seite gehen?“ Ich war sieben Jahre alt. Die Geräusche, diese Masten und Schiffe, der Dampf, der Geruch, das Wasser. Das alles hat sich bei mir eingebrannt. Ich bin später auch zur Marine gegangen, habe heute noch Kontakt zur Crew der „Gorch Fock“.

AUF ZUR ITB 2018!

Dieses Jahr präsentiert sich Hamburg auf der weltgrößten Tourismusmesse ITB in Berlin (7. bis 13. März 2018) mit einem ebenso kontrastreichen wie kreativen Konzept. Um den urbanen Erlebnischarakter der Stadt fühlbar zu machen, setzt Hamburg Tourismus in der Ausstattung auf angesagte Schwarz-Weiß- Optik und einen modernen Materialmix. Rund 75 Partnerunternehmen von A wie AIDA Cruises bis Z wie der Zeitverlag zeigen auf 650 Quadratmeter Standfläche unter dem Dach Hamburgs, was sie zu bieten haben. „Wir verstehen Hamburg als eine moderne Stadt der Kontraste, in der die scheinbaren Widersprüche von Hafencity und Kiezgraffiti interessante Spannungsbögen für unverwechselbare Geschichten bieten“, so Michael Otremba, Geschäftsführer der Hamburg Tourismus GmbH. Über zwei Ebenen gebaut, ist der Messestand wieder zentraler Anlaufpunkt in der Norddeutschlandhalle. Auf einer 30 Quadratmeter großen LED-Leinwand erzählen neue Imagefilme und Spots emotionale Geschichten über Stadt- und Standpartner. Insgesamt erwarten die Veranstalter rund 6000 Fachgespräche (Halle 6.2 A an Stand 102/104). Neue Partnerunternehmen: „Panik City“ und das „Dialoghaus Hamburg“. Die größten Standflächen buchten die „Carnival Group“ (mit AIDA Cruises, Costa Kreuzfahrten und Cunard Line), Stage Entertainment mit seinem neuen Erfolgsmusical „Kinky Boots“, HAM Airport, MSC Kreuzfahrten und TUI Cruises.
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hamburg-tourismus.de
, unter „Sehenswertes“

Noch mal zurück zur ITB: Ist denn auch was richtig schiefgegangen?
Katharina Fest: Eigentlich gibt es jedes Jahr eine kleine Katastrophe. Eine etwas größere, an die ich mich erinnere, passierte, als wir letztes Jahr unseren Lkw an den Strom anschließen wollten. Ein Azubi muss wohl die Pole vertauscht haben, es gab einen lauten Knall und in der Küche rauchte der 10 000 Euro teure Heißluftofen. Und das alles ein paar Stunden vor der Eröffnung. Da kommt man schon ins Schwitzen. Glücklicherweise brauchte es nur ein paar Anrufe und wir haben schnell Ersatz bekommen.

Wie würden Sie den Spirit auf der ITB beschreiben, Frau Fest?
Da hilft jeder jedem, allerdings denke ich schon, dass wir besonders gut vernetzt sind. Die Leute wissen, dass wir doch recht großzügig sind, und das kriegen wir auch zurück.

Zahlt sich das aus, Herr Schuster?
Mein Wirtschaftsprüfer würde jetzt den Kopf schütteln. Aber natürlich machen wir auch gute Geschäfte. Man tauscht sich aus, kommt gemeinsam auf neue Ideen. Aber letztendlich sind es für mich die vielen persönlichen, fast schon freundschaftlichen Kontakte, die die ITB zu etwas ganz Besonderem machen! Katharina, unsere Geschäftsführerin, habe ich ja auch auf der Messe kennengelernt.
Katharina Fest: Das war 2008, ich arbeitete noch für die Hamburg Tourismus GmbH. Im Jahr darauf war ich dann schon mit Heinrich unterwegs – und das kann gern noch eine Weile so bleiben!

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FOTOS — Catrin-Anja Eichinger