Raus aus der Mitte

Bergedorf – so weit, so nah!

Schloss, Sternwarte, ganz viel Elbe und noch mehr Villen: Ulf-Peter Busse, Bergedorfer und Journalist, nimmt Sie mit auf eine Reise durch das etwas andere Hamburg
TEXT — Ulf-Peter Busse

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as Jahr 2018 ist für uns Bergedorfer etwas ganz Beonderes: Wir sind jetzt seit 150 Jahren Hamburger! Damals, zum 1. Januar 1868, hat die große Hansestadt das kleine Bergedorf gekauft. Für 200 000 Goldtaler. Wobei unser „Städtchen“ damals genau genommen doppelt so viel wert war. Denn Hamburg kaufte nur die imaginäre Hälfte hinzu. Seit dem Mittelalter hatte es Bergedorf samt seiner Vierlande und Geesthacht gemeinsam mit der Schwesterstadt Lübeck besessen.

Links das kleinste Restaurant der Welt, das „Alte Zollenspieker Pegelhäuschen“, rechts die Zollenspieker Fähre, die Ausflügler auf die andere Seite ins niedersächsische Hoopte bringt
Links das kleinste Restaurant der Welt, das „Alte Zollenspieker Pegelhäuschen“, rechts die Zollenspieker Fähre, die Ausflügler auf die andere Seite ins niedersächsische Hoopte bringt

»Bei einem Wochenend- Trip lohnt sich ein Besuch der Sternwarte mit ihrer imposanten Bibliothek und dem Café ›Raum & Zeit‹«

Ulf-Peter Busse
Mit dem Kauf legten die Hamburger vor 150 Jahren den Grundstein dafür, dass Bergedorf vom Städtchen zur Stadt wurde – und für das besondere Selbstverständnis der Menschen hier: Wir sind stolz, Teil der Metropole zu sein, ziehen uns aber gern zurück in die Vertrautheit Bergedorfs. Auch wenn die alte Stadt längst zum Hamburger Bezirk wurde und mittlerweile schon die Zahl von 125 000 Einwohnern überschreitet: Wir Bergedorfer fühlen uns hier buchstäblich doppelt wohl.

Dieses Gefühl hat natürlich mit den gewachsenen Besonderheiten unseres Bezirks zu tun, „wo in Hamburg die Sonne aufgeht“, wie ein alter Werbeslogan Bergedorfs mit warmen Worten formuliert. Zu spüren ist das im historischen Kern mit Hamburgs einzigem erhaltenen Schloss (einer uralten Wasserburg), der über 500 Jahre alten Kirche St. Petri und Pauli, dem gerade wieder neu entdeckten alten Hafen am Serrahn und natürlich der Einkaufsstraße Sachsentor, die nicht nur wir Bergedorfer für die schönste in der ganzen Metropole halten. Zudem erscheint hier mit der „Bergedorfer Zeitung“ die einzige lokale Tageszeitung Hamburgs, was das besondere Selbstverständnis der Menschen zwischen Bille und Elbe natürlich ganz besonders schärft.

Early öko: Die Reitbrooker Mühle, erbaut 1870, mahlte 1939 zuletzt mit Windkraft. Ein berühmter Hamburger wurde hier geboren
Early öko: Die Reitbrooker Mühle, erbaut 1870, mahlte 1939 zuletzt mit Windkraft. Ein berühmter Hamburger wurde hier geboren

Entsprechend modern und lebendig präsentiert sich der Alltag in Bergedorf. Es gibt einen Mix aus großstädtischem Flair in Stadtteilen wie Lohbrügge, Neuallermöhe oder Alt-Bergedorf, von wo aus die Hamburger City nur 20 S-Bahn-Minuten entfernt ist. Aber gleichzeitig hat Bergedorf auch eine ausgedehnte ländliche Seite mit den Feldern, Deichen und Flussläufen der Vier- und Marschlande. Und selbst direkt am Zentrum des Bezirks finden sich noch gemütliche Oasen: Die bald hundert Jahre alte Gartenstadt Nettelnburg, der Gründerzeit-Stadtteil Bergedorf-Süd und natürlich das riesige Villengebiet zwischen City und Bergedorfer Gehölz. Seine Entstehung von 1870 bis zum Ersten Weltkrieg hatte die kleine Stadt auf fünffache Größe wachsen lassen. Das Villengebiet besteht aus unzähligen Anwesen Hamburger Reeder, Künstler und Kaufleute, die hier - im einstigen Luftkurort – ihre Sommerresidenzen bauten. Bis heute ist es Hamburgs mit Abstand größtes zusammenhängendes Landhausviertel und wegen seiner diversen Baustile eine Schatzkammer für den Denkmalschutz.

Ein berühmter Bergedorfer ...
... kommt aus Bergedorf-Reitbrook: Alfred Lichtwark (1852–1914), erster Direktor der Hamburger Kunsthalle, Sohn des verarmten Besitzers der Reitbrooker Mühle und dessen zweiter Frau Johanne. Der Kunsthistoriker und Mitbegründer der Museumspädagogik verantwortet maßgeblich die umfangreiche Sammlung der Kunsthalle.
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kunsthalle-hamburg.de
Natürlich gehören Führungen durch das Villengebiet zum festen Programm jedes Besuchs in Bergedorf. Aber noch spannender finde ich persönlich einen Besuch der Hamburger Sternwarte. Von hier aus erkunden noch immer die Astrophysiker der Universität Hamburg das Weltall und genießen dabei international ein hohes Ansehen. Einer ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Suche nach einer zweiten Erde, jenem Planeten, auf dem menschliches Leben möglich ist. Und weil schon seit über 100 Jahren Forscher in diesem Observatorium arbeiten, verfügen sie über ein Archiv an Himmelsaufnahmen, das die Erde vor einer tödlichen Kollision mit Asteroiden oder anderen Himmelskörpern bewahren könnte: Der Blick ein Jahrhundert zurück ist Basis für Berechnungen, welche Flugbahnen unserer Erde in Zukunft gefährlich nahe kommen könnten.

Einfach himmlisch: In der Bergedeorfer Sternwarte erforschen Wissenschaftler seit über hundert Jahren das Universum
Einfach himmlisch: In der Bergedeorfer Sternwarte erforschen Wissenschaftler seit über hundert Jahren das Universum

»Der Serrahn entstand 1902 als Erweiterung des alten Stadthafens und wird heute endlich wieder von Kneipen Restaurant belebt«

Ulf-Peter Busse
Das alles können Besucher mittlerweile bei einem Wochenend-Ausflug zur Sternwarte erkunden: Das Café „Raum & Zeit“ mit angeschlossenem Besucherzentrum (August-Bebel-Straße 196) ist sonnabends und sonntags geöffnet und bietet dann täglich mehrere Führungen durch den malerischen Park und in die typischen Kuppelbauten der Sternwarte. Dass Hamburg sein Observatorium 1906 bis 1912 an den äußersten Rand der Stadt verlegt hat, liegt übrigens an Bergedorfs einzigartiger Lage: Hier gibt es deutlich weniger Luftverschmutzung als am alten Standort beim Millerntor. Zudem strahlt Bergedorf weniger Licht aus, es gibt weniger Erschütterungen durch den Verkehr und nicht zuletzt ist der gut 40 Meter hohe, steil aufragende Gojenberg als Teil des Elbhangs eine der mächtigsten Erhebungen Hamburgs. Alles zusammen sorgt für den besten Himmelsblick der ganzen Stadt.

Eine wachsende Zahl von Ausflüglern genießt den Blick vom Gojenberg – und nicht nur in den Himmel. Denn von der Anhöhe aus breiten sich die Vier- und Marschlande wie eine Einladung zur Tagestour vor dem Betrachter aus. Wer mit dem Fahrrad kommt oder sich eines an den Stadtrad-Stationen an Bergedorfs Bahnhöfen der Linie S21 ausleiht, findet das Landgebiet des Bezirks erschlossen durch ein dichtes Netz an Radwegen über ehemalige Eisenbahntrassen. Oder er nutzt die kurvigen Deichstraßen, die den Blick auf malerische alte Bauernkaten und natürlich in die Weite der Landschaft freigeben.

Wandern auf der Wanderdüne: Als Hamburgs letzte dieser Art bieten die Boberger Dünen Aussicht von Marschland bis Heide
Wandern auf der Wanderdüne: Als Hamburgs letzte dieser Art bieten die Boberger Dünen Aussicht von Marschland bis Heide

Verschiedene Gasthäuser und Res taurants laden am Wegesrand zum Verweilen ein. Allen voran das „Zollenspieker Fährhaus“ ganz im Süden des Bezirks, das ich mit Freunden oder meiner Familie immer gern ansteuere. Über den alten Zollenspieker Bahndamm in knapp einer Stunde vom Bergedorfer Zentrum aus mit dem Fahrrad zu erreichen, verfügt es neben Hotelbetrieb und Restaurant über eine riesige Terrasse, auf der wir oft fast ungestört den Blick über die Elbe stromaufwärts Richtung Geesthacht schweifen lassen. Zudem legt gleich nebenan die Zollenspieker Fähre an und lädt zur zehnminütigen Passage auf die andere Seite des mächtigen Stroms ins niedersächsische Hoopte ein. Meine Kinder lieben diese „Seereise“ samt Einkehr in den Restaurants am anderen Elbufer oder einfach einem Besuch an „Käpt’n Kuddels Imbiss“.

Vom Zollenspieker Fährhaus aus ist Hamburgs Zentrum übrigens per Fahrrad gut in rund eineinhalb Stunden gemütlicher Fahrt zu erreichen – über den alten Marschbahndamm und vorbei an der Wasserkunst Kaltehofe, dem Gründungsort der Hamburger Wasserwerke in Rothenburgsort.

ZEHN TOP-TIPPS FÜR BERGEDORF

Von Stadt, Land, Fluss bis Sonne, Mond und Sterne
ZUSAMMENGESTELLT VON—Claudia Ehlebracht, ehrenamtliche Leiterin der „Bergedorf-Tourismus im WSB“ (Wirtschaft und Stadtmarketing für die Region Bergedorf e. V. ) Sachsentor 47, 21029 Hamburg Telefon: 040 721 30 18

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Die Vier- und Marschlande: Landschaft in Hamburg.
Landwirtschaft und Gartenbau sind hier zu Hause und bieten uns Hamburgern eine Fülle an regionalen Produkten. Dazu eine sehr reizvolle Landschaft mit Wiesen, Feldern, viel Wasser, Radwegen und alten Fachwerkhäusern.
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Zollenspieker Fährhaus mit der Elblandschaft
Hamburgs südlichster Punkt ist bestimmt auch Hamburgs schönster! Hier hat man einen prächtigen Blick über die Elbe. Das historische und liebevoll restaurierte „Zollenspieker Fährhaus“ von 1252 wird als Restaurant und Hotel geführt. Der Zollenspieker ist naturkundlich sehr interessant. Hier rasten nicht nur fröhliche Ausflügler sondern auch Enten, Gänse und Limikolen.
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Hamburger Sternwarte
Die von 1906–1912 erbaute Sternwarte ist ein anerkanntes Kulturdenkmal von nationaler Bedeutung und bis heute ein international renommiertes Forschungsinstitut der Universität Hamburg. In einer großen Parkanlage verteilt sich ein ganzes Ensemble aus denkmalgeschützten neobarocken Kuppelbauten, in denen sich historische Refraktoren und Teleskope besichtigen lassen – und ein echtes Lieblingscafé: „Raum & Zeit“.
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Boberger Niederung mit der Boberger Düne
Die einmalige Dünenlandschaft mitten in Hamburg. Das außergewöhnliche Naturschutzgebiet mit seinen Sanddünen, Trockenwiesen und Erlenbrüchen ist durchzogen von Spazier- und Radwegen. Mittendrin liegen der Segelflugplatz und ein Badesee. Das Boberger Dünenhaus bietet naturkundliche und geschichtliche Informationen oder Führungen über die Dünen. Die Boberger Niederung bietet ein echtes Naturerlebnis für die ganze Familie.
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Freilichtmuseum Rieck-Haus
Mehr als fünfhundert Jahre Vierländer Kultur sind im Freilichtmuseum Rieck Haus in Curslack erlebbar. Ein typischer Vierländer Bauernhof mit Hufnerhaus von 1533, Schöpfmühle, Haubarg, Backhaus und dem jährlichen „Erdbeerfest“ im Juni!
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Bergedorfer Schloss
Das einzige Schloss Hamburgs beheimatet ein modernes Regionalmuseum zur Geschichte Bergedorfs und den Vier- und Marschlanden. Regelmäßige Wechselausstellungen und begleitende Veranstaltungen laden zum Mitmachen und Vertiefen einzelner Zeitabschnitte oder Fragen an die Vergangenheit und Gegenwart ein.
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Wassererlebnis auf Doveund Gose Elbe und der Bille
Bergedorf bietet zahlreiche Wassersportmöglichkeiten. Yachthäfen, Bootsvermietungen, Kanuund Ruderclubs, mehrere Schifffahrtslinien und die internationale Regattastrecke Allermöhe befinden sich hier. Diverse Badeseen bringen Erfrischung an heißen Sommertagen. Angler genießen die Ruhe, Surfer die Sturmtage.
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KZ-Gedenkstätte Neuengamme
Sie ist eine der größten Gedenkstätten in Deutschland, ein Gedenk- und Lernort, der durch Ausstellungen, Rundgänge und Veranstaltungen die Erinnerung an die Opfer bewahrt und die Auseinandersetzung mit Geschichte ermöglicht. Von 1938 bis 1945 bestand das Konzentrationslager Neuengamme. Mehr als 100 000 Häftlinge aus ganz Europa litten unter unmenschlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Mindestens 42 900 Menschen starben. Die Gedenkstätte umfasst heute nahezu das gesamte historische Lagergelände.
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Historischer Stadtkern Bergedorfs
Alles ganz nah: in nur wenigen Gehminuten vom S-Bahnhof Bergedorf befinden sich Hafen, Schloss, Windmühle und Kirche, dazu die Einkaufsstraße Sachsentor mit ihren alten, charmanten Häusern. Nach einem Bergedorfer Spaziergang laden gemütliche Cafés zu Eis, Kuchen und Torten ein.
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Hof Eggers in der Ohe
Der idyllische Hufnerhof mit Gebäuden aus dem 16. Jahrhundert ist heute ein Bio-Betrieb mit Hofladen, Café und Ferienwohnungen. Die ganze Familie kann hier verweilen und einiges entdecken. Zum Beispiel die tolle Schaukel in der alten Eiche.

Viele schippern aber auch gern nach Bergedorf. Eine Tour, die neben der Bergedorfer Schifffahrtslinie auch die Alstertouristik regelmäßig ab Jungfernstieg in der Hamburger City anbietet. Die Barkassen steuern über Hamburger Hafen, Stromelbe und Dove Elbe direkt den Serrahn im Herzen Bergedorfs an. Der ist 1902 als Erweiterung des alten Stadthafens von 1442 entstanden und wird seit einigen Jahren endlich wieder von einer lebendigen Kneipen- und Restaurant- Szene erobert. Ab 2020 kann hier auch stylish-modern übernachtet werden: Auf einem alten Kaufhausgelände direkt am Serrahn entsteht gerade ein Hotelkomplex mit 130 Zimmern im angesagten Kunst-Design.

Damit sind wir zurück von der kleinen Rundreise durch die vielen Besonderheiten meines, unseres gar nicht so kleinen Bergedorf. Es ist eine Großstadt in der Metropole Hamburg, von der es heißt, dass wer hier einmal hergezogen ist, kaum je wieder wegzieht. Touristen können in Bergedorf viel entdecken, auch wenn die Erschließung dieses Teils von Hamburg für Besucher gerade erst begonnen hat. Für einen Tagesausflug als gemütliche Auszeit vom Trubel der Weltstadt lohnt es sich unbedingt – vorausgesetzt man bringt Entdeckergeist und vielleicht ein Fahrrad mit.

So romantisch! Das einzige erhaltene Schloss Hamburgs steht in Bergedorf und zieht nicht nur Touristen, sondern vor allem unzählige Hochzeitsgesellschaften an
So romantisch! Das einzige erhaltene Schloss Hamburgs steht in Bergedorf und zieht nicht nur Touristen, sondern vor allem unzählige Hochzeitsgesellschaften an

FOTOS — Zollenspieker Fährhaus, K. Pfeifer/Rechte: C. Buhck
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